Rheinprobe (im Internet)

Heute nach Rheinfischen und Metamorfosen Fisch/Mensch (et vice versa) gesucht und einige schöne geheimnisvolle Zeilen gefunden. Das kam so: bei meiner tagesaktuellen Rhein-Exkursion hatte mich etwas angespuckt. Es war aber waldig dort und weit und breit kein Mensch. Vielleicht eine Kröte, vielleicht ein isolierter Regentropfen aus dem Blattwerk oder den häufigen Lücken im Himmel. Es war pervers, aber ich hatte Internet dabei. Es war feucht, d.h. die Verbindung flackerte und vertauschte mehrfach Wörter und Artikel: „auf Eisen schlagend sitzen sie beim Fisch-Fernsehen, eben noch den Fluß von Hand angetrieben“, das mußte sich auf vormals intraglaziale Wesen der La Tène-Kultur beziehen. Ich erinnerte mich an einen Traum, in dem prähistorische Strichmännchen, von sich selbst an Höhlenwände gemalt, in einem etwas ekelhaften Prozeß verfleischlichten. Warum kam mir das jetzt in den Sinn? Das Bild des Bodensees tauchte auf, fiebrige Pfahlbauten, die Männer beim Hämmern und Töten, die Frauen beim Waschen, grobe ermüdende Arbeiten, aber Abends sitzen sie gemeinsam auf der Terrasse und starren auf den von der Abendsonne mit glutenden Farben bestrichenen See, eine angenehme Wärme, seit Generationen vermißt, breitet sich durch die Szenerie, unter der unwirklichen Wasserhaut oszillieren Fischschatten, Rücken und Schwänze, einzeln, gedoppelt, vielfach im Kreis, gehetzte Flammenpunkte und schwarze Feuerschneuße, sie spüren Gefahr, erlernen den Zickzack, begeben sich auf die Flucht. Die Menschen auf der Terrasse betrachten das Schauspiel und empfinden etwas Unsagbares, religiöse Gefühle entstehen, die den See teilenden Rheinwellen übertragen wunderbar-schwebende Felchenschwärme auf den Bewußtseinsschirm, sie heben das Gemüt, die Landschaft beginnt zu dampfen, die Menschen reiben sich, die Umgebung der Siedlung besteht aus Muscheln und Müll, es knirscht, die Menschen sprechen logische Gedankenfolgen aus, unterbrochen von kurzen Features über neueste kulturelle Errungenschaften: Alkoholerzeugung und -konsum, Repräsentanzrituale, Gottesdienst, Kunsthandwerk, Distinkton. Es ist ein spontanes Festival, sie singen: „Ach du mein zerklüftetes Felsental, mit deinen Höhlen und Wannen“, mit Riesenschritten hebt die Fruchtbarkeit über den Abend hinweg in eine glänzende Zukunft, sie steigern sich in Hochachtung vor den eigenen Leistungen, manche packt der Übermut, sie springen ins Wasser in mondloser Nacht und später heißt es, man habe sie zur Unzeit wiedergesehen, mit Flossen und nadelspitzen Zähnen. Es ist eine Zeit, in der alles Elbische noch völlig gleichberechtigt agiert. Die Menschen kennen kein Hightech und den Neoliberalismus höchstens als Haltung, nicht aber als Wort, dafür sind sie in der Lage, sich in Tiere zu transformieren oder einfach zu verschwinden – doch nix da, sie haben uns Heutige zu verantworten, so wie wir die Generationen nach uns. Von den Mischwesen sind uns mehr Bilder als Namen erhalten, Bilder, die natürlich angezweifelt werden, Namen, die zu faustisch klingen, um noch als wahr durchzugehen. Das Licht verschwindet, ausgeknipst von der Bionic Woman mit ihrem gedankengesteuerten Roboterarm. Um mich rum ist Wald. Auch Flußgeruch. Der Akku leert sich. Ich sehe keine Kröte.


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