Der digitale Antiquarius

In der Folge des Einsturzes des Historischen Archivs der Stadt Köln war viel von der ungleich höheren Aussagekraft realer Archivarien im Gegensatz zu digitalisierten Kopien die Rede. Für meine Rheinrecherchen wollte ich mich erstmals des Kölner Archivs bedienen – es bleiben nur shock and awe gegenüber dem zwiespältigen, bei aller Komplexität nicht selten von hochgradiger Dummheit beherrschten, Verhältnis von Mensch zu Natur. Die elektronische Verfügbarkeit alter Bücher bietet einerseits eine eminente Abkürzung für den Dürstenden Richtung Labsal, andrerseits ist die Verkostung selbst von hoher Mühsal bestimmt und alles Haptischen enthoben. Von Hand eingegebene Manuskripte staken vor Tippfehlern, gescannte Kopien weisen bisweilen mehr Rück- als Vorderseite auf, die gute alte Kryptik gelangt zu bescheidenen elektronischen Lorbeeren, das Lesen am Bildschirm bildet nichts als Quadratschädel aus (schau mal in den Spiegel, rarer Leser!). Victor von Scheffels kompletten Trompeter von Säkkingen habe ich am Laptop gelesen, eine zähe Erfahrung, die nicht unbedingt einer Zweitentsprechung bedarf. Dabei bot das fürs Gutenberg-Projekt eingetippte Epos noch reichlich Weiß zwischen den Lettern und um diese herum. Zuletzt suchte ich dennoch im Netz nach Dielhelms Rheinischem Antiquarius, und tatsächlich bietet Google in seiner digitalen Bibliothek mindestens zwei verschiedene Ausgaben aus dem 18. Jahrhundert: „Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius, Welcher die wichtigsten und angenehmsten geograph= histor= und politischen Merkwürdigkeiten des ganzen Rheinstroms, Von seinem Ursprunge an, samt all seinen Zuflüssen, bis er sich nach und nach wieder verlieret, darstellet. Alles zum Nutzen der Reisenden und anderer Liebhaber sehenswürdiger Sachen, so man an jedem an demselben gele(…)nen Ort als etwas rares zu bemerken und was sich bis in das Jahr 1743. damit zugetragen hat, gesammelt, und Nebst einer kurzen Beschreibung der vornehmsten Städte in Holland, Mit einigen Anmerkungen, wie auch genauen Landkarten, dazu gehörigen Kupfern und Registern versehen, Jetzo zum zweytenmal ans neue durchgehends verbessert und vermehret herausgegeben von einem Nachforscher In Historischen Dingen. Frankfurt am Mayn, bey Stoks (?) sel. Erben und Schilling. 1744.“ Bzw. die dritte Auflage mit dem leicht verschlankten Titel: „Rheinischer Antiquarius, oder ausführliche Beschreibung des Rheinstroms, von seinem Ursprung an, mit allen seinen Zuflüssen, und daran gelegenen Oertern, bis er sich endlich wieder nach und nach verlieret. Zum Nutzen der Reisenden, und Liebhabern sehenswürdiger Antiquitaeten, die sich hin und wieder befinden, nebst einer Beschreibung der vornehmsten Städte in Holland. Mit nützlichen Landkarten, darzu gehörigen Kupfern und nöthigen Registern versehen, und anjetzo zum drittenmal auf das neueverbessert und vermehrt herausgegeben von Johann Hermann Dielhelm, Frankfurt und Leipzig / Bey Johann Georg Eßlinger, 1776. Digitalisiert von Google.“ Schön zu sehen, wie die den Leser damals schon traulich duzenden und vermutlich von ewigen Praktikanten (der neoliberalen Neuerfindung des Arbeitssklaven um bescheidene Schlafstelle und Mahlzeit) gescannten Fraktur-Lettern auf den gekrümmten Buchinnenseiten rheinischen Wogen gleich verschwimmen, wie ja auch der im Titel genannte Fluß sich so wunderbar verlieret, daß es mich urplötzlich juckt, noch in dieser Minute nach Holland aufzubrechen. Ruhe bewahren!

Victor von Scheffel: Der Trompeter von Säkkingen, http://gutenberg.spiegel.de
Johann Hermann Dielhelm: Rheinischer Antiquarius, http://books.google.com


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