Vom Wasser

In seinem Roman „Vom Wasser“ hat John von Düffel den wenig bekannten Flüssen Orpe und Diemel, im deutschen Niemandsland des Wesersystems gelegen, ein kaum zu überbietendes literarisches Denkmal gesetzt. Vor allem die schwarze Orpe, deren Name so düster unterweltlerisch-hinterwäldlerisch klingt, mit ihren Ratten, Forellen und dem Harkemann, einem lokalen Nix, wird immer wieder aufs Neue in ihrer Schwärze, Rattenhaftig- und Forellenhaltigkeit geschildert, ein Schicksalsrinnsal, sauerländischer „river of no return“, der die Papiermühle der „Mißgunst“ antreibt, dem ebenfalls klingend benamten Gelände, auf dem die klassische Dreigenerationenstory zum größten Teil angesiedelt ist: eine mit glatter, ja wasserklarer Schönheit erzählte Geschichte, die, genau wie die Menschen im allgemeinen, immer wieder aufs Wasser zurückkommt, und gerahmt wird von wenigen Szenen am grünen Hochrhein bei Basel: „Und ich rieche das Wasser selbst: grünes, wildes Wasser, das in einem breiten Strom wirbelnd dahinfließt. Noch bevor ich mich setze und schaue, noch bevor ich das Wasser gesehen habe, rieche ich seine kühle Frische, diesen Atem des Wassers in der frühlingshaften Luft, rieche, wie das Aufschwappen der Wellen an den Rändern des Flußbettes die Steine dazu bringt, ihren gewölbe-ähnlichen Geruch auszuströmen, benetzt von Wasser, beschienen von einer blassen Frühjahrssonne. Und dann sehe ich, wie das Wasser mit leichtem Wellenschlag den Steinen in alle Poren kriecht und ihnen ihre Färbung wiedergibt und ihren eigenen Geruch, den Atem des Wassers und der Steine. Und ich setze mich ans Ufer und schaue aufs Wasser, das frühjahrsgrün dahinfließt, mit unzähligen knospenartigen kleinen Strudeln, die ineinander spielen, aufquellen und sich trollen, im März, kurz vor Basel, am Rhein.“ Und gegen Ende: „(…) an diesem durch und durch verregneten Märztag in Basel, an dem ich mich bislang nicht vor die Tür meines Hotelzimmers getraut habe, obwohl es mein fester Vorsatz gewesen war, jeden dieser Tage am Rhein zu verbringen, auf das Wasser schauend und vom Rhein erzählend. Denn nur deswegen war ich hier geblieben (…). Ich war geblieben, weil dieser frühjahrsgrüne Fluß, der unmittelbar der neuen Jahreszeit zu entspringen schien, während ringsum noch alles im Zeichen des verblassenden Winters stand, weil dieser breite, lebendige Strom mich seit meinem ersten Tag in Basel anzog, weil ich wie selbstverständliche jede freie Minute am Rhein verbrachte, und weil ich so lange an diesem Wasser sitzen wollte, bis ich herausfand, warum das so war.“ Vor einiger Zeit fuhr ich zum ca fünfhundertsten Mal im Intercity auf meiner geliebten linksrheinischen Trasse mit Rhein- und Loreleyblick. Schräg gegenüber saß ein sehniger Mann, der in etwa aussah wie John von Düffel auf seinen Pressefotos. Er befand sich im Gespräch mit einem kleinen Jungen, der ihm erklärte, wie er den Zug in ein Flugzeug umbauen würde, um damit dann eine Spur der Zerstörung durchs Rheintal zu ziehen. Der Mann, der aussah wie John von Düffel, grinste. Ich auch.

John von Düffel: Vom Wasser
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002


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