Herr K. aus D.

Soeben rief mich ein Herr Klose aus Düsseldorf an, um mir seine Rheingeschichte zu erzählen. Die Verbindung wackelte, immer wieder wurden einzelne Buchstaben bis ganze Silben des Gesprächs zerschossen, aber ich traue mir zu, Herrn Kloses Ausführungen halbwegs sinngemäß zu rekonstruieren: „Vor einigen Jahren kaufte ich auf dem Flohmarkt am Aachener Platz von einem Polen um kleines Geld ein ziemlich rares Doppelalbum der Band Neu! – das ist, nach Kraftwerk, eine der Bands von Klaus Dinger gewesen, der sich in letzter Zeit für seine zahlreichen Soloprojekte auch Nikolaus van Rijn oder so ähnlich genannt hat. Ein Wochenende drauf habe ich mir tüchtig einen weggequarzt und habe dann diese Platte aufgelegt. Das war sehr psychedelisch, so Krautrock, das ging mir ganz schön an die Nieren, da fangen plötzlich die Synapsen an zu kreiseln, die Augen drehen sich langsam aus den Höhlen, man denkt, man ist ganz nah dran am endgültigen Verstehen, d.h. am Durchdrehen, es wurde also etwas zuviel und so bin ich, um dieser Stimmung zu entkommen, mit dem Fahrrad immer schön am Rhein entlang nach Norden bis nach Kaiserswerth. Und was meinen Sie, wer mir da entgegenkommt? Klaus Dinger. Mit seinem weißen Rauschebart, einer Riesensonnenbrille auf der Nase und einem japanischen Hippiemädchen dabei. Erkannt habe ich ihn nur, weil genau am Vorabend eine Sendung über ihn im Fernsehen lief, sonst hätte ich garnicht gewußt wie der aussieht. Ich sprech ihn also an und sag, Sie sind doch der Herr Dinger von Neu! und er sagt einfach: jo, das bin ich. Ich hab ihm gesagt, wie toll ich seine Musik finde und das wars, aber der eigentliche Wahnsinn ist doch: ich kaufe von einem Polen Klaus Dingers Musik und seh ihn dann urplötzlich im Fernsehen und einen Tag später treffe ich ihn am Rhein, und er hat dieses Rheinpseudonym und ich heiße ja Klose, das kommt aus Schlesien, jetzt also Polen, und ist eine Kurzform für Nikolaus. Das ist doch Wahnsinn, oder? Das hat mich damals jedenfalls ganz schön mitgenommen, ich meine, das gibt’s doch eigentlich garnicht. Und Klaus Dinger, der lebt ja heut nicht mehr. Was sagen Sie dazu?“ Danke, Herr Klose, ich habe ihre Geschichte notiert. Sie wissen ja, ich bin Literat und werde sie daher mit Sicherheit verfälschen.


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