Hölderlinien

Das meiste vermag die Geburt, und der Lichtstrahl, der dem Neugeborenen begegnet. Weswegen letzterer jauchzt. Gott will aber seinen Söhnen das eilende Leben sparen und lächelt, wenn unaufhaltsam, aber gehemmt von heiligen Alpen, ihm in der Tiefe die Ströme zürnen. In solch alpiner Esse würde dann auch alles Lautere geschmiedet, und schön sei`s, wie er, nachdem er die Berge verlassen, stillwandelnd sich im deutschen Lande begnügt und das Sehnen stillt, nach- oder indem er das gute Land erst baut, der alte Vater Rhein, und liebe Kinder nährt, in biederen Städten, die er gegründet, meint und deliriert recht wortgetreu der Dichter Friedrich Hölderlin in seinen Rhein-Hymnen. Das klingt alles schön, vielleicht anderthalb Spuren zu schwärmerisch und überkommen (aber durchaus brauchbar als originelles Zeitkolorit), die üppigen, seinem Freund Sinclair gewidmeten Zeilen mögen darob heuer kaum mehr Leser finden als das Klopstocksche Gesamtwerk, das besonders gern (ich finde: zu Unrecht) als verquast abgetan wird. Dafür leihen beide Dichter nach wie vor einer ansehnlichen Zahl Wohnstraßen ihre klingenden Namen. Hölderlin stammt vom gelbschlammigen Neckar, den er seine letzten rund 40 Lebensjahre aus einem schicken Tübinger Turmzimmerchen betrachten durfte. Dieses Türmchen erreiche ich auf Umwegen durch das trügerischere Wirrwarr schwäbischer Landstraßen im trüben Abenddämmer eines weiteren vernieselten Februartages: schließlich geht’s hinein nach Tübingen, das ich nach 23 Jahren wiedersehe, die Eingänge zur historischen Altstadt sind mit Tü amo-Bannern geschmückt, irgendwelche Italien-Kulturtage, ich fühle mich etwas fehl im studentischen Dunst, der abwassergleich aus allen Stadtporen fließt, am Frauenbuchladen grüßt mich eine alte Bekannte (ich kenne sie nicht) und erzählt mir, wie es Fritzi (die ich ebenfalls nicht kenne – vielleicht eine feminisierte Form von Hölderlins Vornamen, der/die als guter Geist durch die Stadtmauern wandelt?) in der Zwischenzeit ergangen ist. Im Frauenbuchladen selbst sitzt eine Dame, die ich nur vom Typus her kenne. Old school in lila, wenig entspanntes Lächeln. In diesen süßen kleinen Universitätsstädtchen voller Fachwerk und Nickelbrillentradition, in denen die Alternativkultur über die Jahre tatsächlich gesiegt und zum Mainstream sich ausgewachsen hat atmet es sich schwer touristisch; daß am Stadttor kein Eintritt genommen wird, kann sich einzig stundenlangen hitzigen Debatten in kulturpolitischen Plenen verdanken oder der generellen Gutartigkeit der TübingerInnen, mit der sie auch ihren Turmdichter pflegten, den Herrn Scardanelli seiner langen späten Jahre. Dem mag auf heißem Pfade unter Tannen oder im Dunkel des umgebenden Eichwalds, gehüllt in Stahl, Gott erschienen sein, oder auch in Wolken, er wird ihn jedenfalls gekannt haben, persönlich, schließlich war er beseelt von des Guten Kraft, nur später, als ihm das Lächeln des Herrschers verborgen blieb bei Tage, wenn fieberhaft und angekettet das Lebendige schien oder auch bei Nacht, wenn alles gemischt war, ordnungslos und wiederkehrend – so versuchte ich mich in Hölderlin einzufühlen, in langen stillen Sekunden am Grunde seines Turms, der noch zehn Minuten geöffnet hatte für Besucher, im Dämmer, im Niesel, direkt am schlammigen Neckar, da stand ich und verdrehte die Augen und es überkam mich und ich spürte sie haarfein und genau, die uralte Verwirrung.


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