Out of Büsingen

Wer das deutsche Büsingen auf dem Landweg erreichen will, kommt nicht umhin, die ebenso pittoreske wie berüchtigte Schweiz zu queren. Güggeli und Haxen-Imbisse am Wegrand. Dann durch steile Waldpassagen, urtümliche Klischeebeschleuniger. Am Ortseingang ein gigantischer Rasenmäher, offenbar sowas wie ein Wahrzeichen. Im Niesel, im leicht widerständig sich öffnenden Tal: unsere derzeit einzige Exklave, komplett eidgenössisch umschlossen. Erstmal angelangt liegt das Dorf ganz hübsch am flaschengrün dümpelnden Hochrhein und pflegt das Temperament eines gesetzten Schwans, exakt jenes von der eigenen Schönheit überwältigten Tieres, das in Ufernähe durch die Gegend lugt und streicht. Touristisch wirkt Büsingen unerschlossen, also natürlich, wie ein Geheimtipp unter sehr wenigen Rentnern, die nach außen dichtzuhalten vermögen. (Verzeiht mir, falls es Euch wirklich gibt, mein Blog ist jedoch ein ähnlich frequentierter Geheimtipp wie Euer Büsingen, es wird nicht viel ins Rollen kommen, aufgrund solcher Notizen.) Es ließe sich behaupten, Büsingen sei unglaublich – weil glaubhaft – ruhig. Es finden wenige und sehr absehbare Bewegungen auf der Straße statt, die immerhin die Hauptstraße und beinahe die einzige in Büsingen ist. Unten am Fluß ist es idyllisch, nur gegenüber (gegenüber ist in Büsingen immer Schweizer Gebiet) lauern betonierte Unterstände mit kastenförmigen Ausgucken. Man fühlt sich beobachtet durch auf Gewehrläufe geschraubte Visiere behäbiger, aber allmächtiger Grenzwächter – ob zurecht oder nicht, es ist so. Man denkt, bis hierhin und dahin darf ich bestimmt gehen, und falls ich einen Fehler mache, bekomme ich flugs einen Warnschuß vor den Bug, und tadelnde, aber bestimmte Anweisungen, wohin ich treten dürfe und wohin nicht, als wäre das nicht jedermann bekannt, und das nächste Mal aber: wehe!, und das alles in einem schwer verständlichen, kehligen Dialekt, über den man besser nicht scherzt. Klar, daß eine solche Umgebung ihre Bewohner auf Dauer zermürbt: wo man badische Klänge erwartet, wird nonchalant mit „Grüezi“ salutiert, das Ortsbild gleicht jenen mithilfe härtester Franken zu Wohlstand gelangten Gemeinden rundum jenseits der Grenze, die etwas mühsam zu erreichende, weil einige Meter außerhalb auf einer Erhebung gelegene, in ihrer romanischen Schlichtheit ergreifende Bergkirche konserviert alpine Temperaturen, und einen respektablen, bei meinem Besuch jedoch eher nutzlosen Fernblick – womöglich etwas für dioptrienfreundlichere Tage. Assimilation zur Schweiz findet an allen Ecken und Enden statt: so besitzt Büsingen neben der deutschen eine helvetische Postleitzahl, desgleichen zwei verschiedene Telefon-Vorwahlnummern und -zellen, desweiteren pastellfarbenes Fachwerk und an einem Gebäude hängt eine stilisierte Milchkuh mit blutendem Beinstumpf, vermutlich ein Verweis auf die berühmten Kuhsprengungen in den Schweizer Alpen. Ein Deutsch-Schweizer Schulterschluß sicherlich das gehäufte Vorkommen von öffentlichen Verbotsschildern. Was bleibt? Zumindest drei neue, vorort aufgeschnappte Begriffe voller Poesie: Hochland Schueblig, Hobelgeiss und Offenmilch.


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