Monatsarchiv für März 2009

 
 

Brauweiler

Heute Nacht bekam ich von Martin Baumgärtner vom Rheinkolleg in Speyer einen Hinweis auf den tausendjährigen Brauweiler Maulbeerbaum – zu finden im Rahmen der Serie „Geschichten der Verbundenheit“ der Regionale 2010. Später am Tag: das Wetter hübschte unaufhaltsam vor sich hin, dazu passend setzte der Baulärm im Hof nach halbjähriger Pause wieder ein, also schwang ich mich aufs Rad, mir besagten Maulbeerbaum genauer anzuschaun. Um mich rum überall erwachendes Leben: der erste Star hüpfte durchs Gebüsch, die früheste Feuerwanze schleppte ihren grellen Schild übern Asfalt. Ich fuhr ohne Karte, nur an den Gestirnen orientiert, dh, an der Sonne, den Domspitzen und den Kühltürmen der Kraftwerke in der Periferie. So querte ich jede Menge Waldstreifen, Sackgassen, Trampelpfade, Baugruben und immer wieder Industriegebiete mit ihren lebenspendenden Freßverschlägen: Colonia Imbiss, oder, kreativer: Müllers heiße Kiste. Am Ende gelangte ich schließlich und tatsächlich nach Brauweiler und fand den umgitterten tausendjährigen Maulbeerbaum (Morus nigra) an genau der Stelle, wo ursprünglich die St. Medardus geweihte Holzkapelle stand, die Pfalzgraf Hermann um 980 n. Chr. in Stein erneuern ließ, wie mich eine davor aufgestellte Informationstafel belehrte. Sonderlich tausendjährig sah es nicht aus, das vertrocknete Holzgewure, aus dem es jedoch trotzig knospte und sproß: das Wunder des Frühlings und der Selbstregeneration Gottes heiliger Gewächse. Hummeln im Tiefflug brummten über die Wiesen des Abteiparks. Gelblich-grüner Regen tropfte von aufgeräumten Weidenzweigen, auch die Gänseblümchen schauten wieder halbwegs zufrieden aus den safttankenden Rasenflächen. „Seit 1864 diente das heutige Bürohaus für rund hundert Jahre der Arbeitsanstalt als Frauenhaus für „Arbeitsscheue“, Diebinnen, Prostituierte und Trinkerinnen.“ Noch so eine historische Lehrtafel, unweit des Gedenksteins für die Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt, auch Adenauer soll in einem offenbar nicht mehr existenten Trakt des stark an gängige Schulen erinnernden Gebäudes, von der Gestapo genutzt, eingesessen haben. Brauweiler, um die zentrale Abtei gruppiert, entpuppt sich als seltsamer Ort einer ewig im Aufbruch befindlichen Moderne, krude Bilderstöcke vis à vis Kondomautomaten, die ortsansässige Gourmet Lounge steht im Zeichen des Dönerkegels, im braunlichten Brauhaus rotieren die Münzspielautomaten, das San Remo bietet exotische Eissorten in chemisch-leuchtenden Farben, der Frauenfußball wird auf hohem Niveau gepflegt. Ich tastete mich dann noch durch den Dämmer der Abteikirche, die wie so viele rheinische Kirchen nach St. Nikolaus benannt ist, naiv gearbeitete Nischenheilige im Foyer, dem Schutzheiligen der Radfahrer steckte ich einen innigen Gruß und machte mich auf den Rückweg entlang der Landstraße.

Das Monster vom Oberrhein

(Dieser Text ist freigegeben für LeserInnen ab 18 Jahren.) Am Oberrhein bedroht seit geschätzten 15 Jahren ein fürchterliches Monster die heimische Grundnahrungskette: Rana catesbeiana, vulgo: der Ochsenfrosch. Und wie in den besten Krimis verhindert unsere freiheitlich-demokratische Gesetzgebung den Einsatz von Massenvernichtungsmitteln bei der Verbrechensbekämpfung: die legale Jagd auf das Froschmonster findet nicht mehr, wie bei dessen erster Invasion im Jahre 1934, mit breitstreuendem und finalem Schrot, sondern nurmehr mit Ferngläsern („Laich ausmachen“), Taschenlampen („Blenden und abgreifen“) sowie Elektrokeschern („Paralysieren und mulmiges Erwachen bescheren“) statt. Die Gefangenen werden hernach, lautet es aus düsteren Quellen, entweder für typisch menschliche Experimente bereitgehalten oder chloroformiert. Gerüchte über illegale Ochsenfrosch-Bogenjagden in den Rheinauen kursieren halbbestätigt und bis dato fernab des Internets. Das eigentlich Monströse des Delinquenten manifestiert sich sowohl in seiner Rücksichtslosig-, als auch in seiner Janusköpfigkeit. Der Ochsenfrosch gilt als ebenso gefräßig wie (gehäutet) eßbar. Ein einziger Schenkel reiche zur Sättigung aus, schreiben diverse Quellen voneinander ab. Einheimische Tiere vermieden den (ungehäuteten) Invasor, nicht aber umgekehrt. Der Ochsenfrosch, heißt es dort weiter, einverleibt sich so ziemlich alles, was durch sein Maul paßt, und greift darüberhinaus wahllos an, selbst Menschen, sogar Katzen. Einzig beim Kampf mit dem Eisvogel unterliegen beide Kontrahenten, ein gutes Beispiel für natürlichen Wahn: zwar gelingt es dem Ochsenfrosch, den schillerndsten unserer Vögel zu bejagen und verschlingen, die postmortale Rache des Eisvogels besteht darin, mit seinem spitzen Schnabel dem Monster von innen den Bauch aufzuschlitzen. Dieser Tage beginnt erneut die Laichzeit und der Kampf des Oberrheiners mit dem Ochsenfrosch geht in die nächste Runde. Die Kaulquappen des letzteren sollen Längen von rund 15 cm erreichen. Stellen Sie sich das mal vor! Die Bevölkerung ist aufgerufen, den häßlichen amerikanischen Invasor zu melden. Wichtige erkennungsdienstliche Hinweise bietet eine Website unserer ochsenfroschkampferfahrenen französischen Alliierten: grenouilletareau.net. Dort finden sich schockierende Klangbeispiele vom Solo- und Chorgesang des Froschmonsters, ob markantes Blöken, Blörpen und Stiergebrüll imitierend oder beim seltenen, spitzen Gepiepse kurz vorm ins Wasser hüpfen. Hoppstop Ochsenfrosch!

Am Niederrhein (von Rainer Vogel)

Am Sonntag kamen noch Freunde zum Kaffee und Kartenspielen, inklusive Spaziergang zum Biergarten am Rhein in Wittlaer, „Aschlöksken“ im Volksmund genannt, früher sei dort die Asche gelöscht worden. Eine andere Erklärung für den Namen lautet: dass dort der Ort seit jeher sein Ende hat. Gegenüber vom Biergarten, auf der Meerbuscher/Krefelder Rheinseite sah ich immer Sandstrände und Auwälder, wo auch abends Leute an Lagerfeuern saßen. Da ich gestern frei hatte, fuhr ich mit dem Rad zur Kaiserswerther Rheinfähre, setzte dort über, hielt mich rechts, am dortigen Camperidyll vorbei, und fuhr auf holprigen Treckerspuren, Weidenalleen und vergessenen Reitwegen zu den gesuchten Buchten und Rheinstränden. In eine Bucht, in die man durch einen schmalen Pfad zwischen mannshohen Schilf gelangte, trat ich ein, um einen vorgelagerten Tümpel, Weiden mit freistehenden Wurzeln, eine Art Wilden Flieder, Löwenmäulchen zu entdecken, und das gegenüberliegende Ufer und in der Nähe lagernde Wildgänse zu fotografieren. Der Schweiß floss mir in Strömen herunter, meine Haut juckte aufgrund einer heftigen Sommerallergie, und ich fuhr weiter mit dem Rad, um die Bucht gegenüber dem Biergarten am Ende von Wittlaer zu finden, und mir ein mitgeführtes Alt am Strand zu genehmigen. Ich fand einen seitlich einströmenden Zufluss oder See, mit einer Unzahl von Jungfischen, die in Schwärmen vor meinem Schatten flüchteten, ein Graureiher stob krächzend auf, wer stört in seinem Revier? Keine Menschenseele weit und breit, bis auf einen Mann im Liegestuhl am Strand, die paar Angler am Ufer und auf den aufgeschütteten Felsbrocken im Rhein, unzählige Mücken und Bremsen. Ich fotografierte einen Korbstuhl ohne Beine im Sand, ein bis zwei rostige, im Sand verschüttete Öltonnen, auf einer lag eine längst geleerte, verlorene Geldbörse. Über die Mündung des Zuflusses am Rhein hatte jemand dicke Steine gelegt, sah fast wie ein Dammbau aus, bis auf einen riesigen Stein, den eigentlich keine Menschenhand bewegt haben konnte. Zwischen den Steinen die bleichen Schalen toter Krebse. Mir fiel der Roman ein, den ich in meiner Pubertät eigentlich hatte schreiben wollen, eine Geschichte über einen Wanderer, der am Strand der Ostsee entlang zieht, den magischen Feuerstein, den er sammelt, knirschend unter seinen Sohlen, am Ende seiner Wanderung ist er nicht mehr allein, reitet auf einem Wildpferd und hat eine junge Frau mit schwarzem Haar und braunen Augen an seiner Seite. Teile meines Traums haben sich wohl verwirklicht, jedenfalls habe ich auch jemanden gefunden. Der Held des Romans baut ein Haus, zeugt Kinder, geht in seinem Stamm auf. Parallelhandlung in einem Raumschiff, irgendwo im All. Die Erde ist mittlerweile von einer unkontrollierbaren Technologie beherrscht. Dann trinke ich nahe einer erloschenen Feuerstelle das Bier, auf einem Stein im Sand sitzend. In der Nähe ist ein Angler mit zwei von der Leine gelassenen Schäferhunden, weswegen ich mich ein wenig unwohl fühle. Drüben sitzen die Leute im Biergarten in Plastikstühlen am Weidenzaun, Galloway- Rinder grasen friedlich. Als der weiße Ausflugsdampfer der KD rheinaufwärts vorbeifährt, winken einige Leute den Menschen auf Deck zu. Später schlage ich mich in die Büsche, um eine Abkürzung zur nächsten Straße zu finden, und lande im undurchdringlichen Dickicht, wo ich mir die Schienbeine mit Brennnesseln verbrenne. Stiele wuchernder Riesenpflanzen knacken hohl unter meinen Füßen, als ich die Orientierung verliere. Endlich erreiche ich das Ufer wieder, wohin ich nach einer Kurve im Urwald wieder zurückfinde, und schiebe das Rad über den Sand, finde später eine Zufahrt. Doch erst nehme ich noch ein Bad im Rhein, um die Haut zu kühlen und den Juckreiz zu lindern. Als ich mich wieder anziehe finde ich ein bearbeitetes Stück braunen Feuerstein im Sand, in Form einer Pfeilspitze, und nehme den Stein in meinem Rucksack mit. Auf dem Rückweg fahre ich über Felder, Landstraßen, an dem großen Hafenbecken im Industriegebiet des Krefelder Rheinhafens vorbei, über die im Krieg gesprengte, wieder aufgebaute Uerdinger Brücke mit den schweren, genieteten Stahlträgern, erreiche ich die andere Rheinseite.

(Besten Dank für diesen Bericht an Rainer Vogel, Buchhändler in Kaiserswerth.)

Bissula

Der erste bekannte Donau-Rhein-Mosel-Dichter war Ausonius. Von ihm stammen u.a. die folgenden Verse über Bissula, eine hübsche germanische Gefangene, die sich mit den Römern zu arrangieren versteht. Bissula: welch ein Name. Direkt sehe ich einen Sandalenfilm vor mir, geölte Bodybuilder in knappen Fetzen und leichten Panzern, Kurzschwerter, stromlinienförmige Vollbärte, Blicke, als gälte es damit Löcher in Bergwände zu bohren. Dann Umblende auf Scharen ausgesuchter Mädchen mit Kakaobutter- oder Rosenmilchhaut, ebenfalls nur von wenigem leichten Tuch bedeckt. Desweiteren standardmäßig ausgestattet mit himmelblauen oder tiefbraunen Augen und mittels modernsten Shampoos und Spülungen gepflegtem schimmernden Haupthaar, das in perfekter Harmonie zu gezupften Wimpern und Brauen fließt. Das ganze sinnliche Styling korrespondiert mit dem schauspielerischen Einsatz einer raffinierten Kombination aus rehhafter Verschrecktheit mit katzenhaftem Mut, der Film läuft in jeder Szene, etwas holprig zwar, aber doch mit voller Wucht und Absicht hinaus auf das Zurschaustellen hocherotischer Archetypen, plaziert vor dem, was an bombastischen Kulissen, und ergänzt von dem, was an bombastischer Orchestrierung eben so zu bekommen war. Auftritt Bissula (in etwa: die junge Senta Berger), die in Gefangenschaft ihr Wald- und Höhlenleben abstreift, auch wenn sie es bisweilen schmerzlich vermißt, vor allem, solange sie an einen jungen, aber bereits sehr vollbärtigen Germanen denkt, doch die Zivilisation bezähmt mehr als die Hälfte ihres wilden Herzens, so wie es auch uns, den Nachfahren Bissulas, ergangen ist (offiziell zumindest), das ganze in rauschförderndem Technicolor:

Decimus Magnus Ausonius
Ubi nata sit Bissula et quomodo in manus domini venerit

Bissula, trans gelidum stirpe et lare prosata Rhenum,
conscia nascentis Bissula Danuvii,
capta manu, sed missa manu dominatur in eius
deliciis, cuius bellica praeda fuit.
matre carens, nutricis egens nescivit ere…
illico inexperto libera servitio,
sic Latiis mutata bonis, germana maneret
ut facies, oculos caerula, flava comas.
ambiguam modo lingua facit, modo forma puellam
haec Rheno genitam praedicat, haec Latio.

Wutachschlucht

Eine reiche Fundgrube für Informationen und verfolgenswerte Quellen zu allen möglichen Rheinbelangen, noch dazu plastisch geschrieben, ist Paul Hübners Buch „Der Rhein – Von den Quellen bis zu den Mündungen“ (Frankfurt 1974, insofern nur antiquarisch erhältlich). Heute morgen erwachte ich mit einem noch aus dem Schlaf stammenden Gedanken an die Wutachschlucht und blätterte bei Hübner: „Die Wutach, die so harmlos und sanft dem Rhein sich nähert, ist in ihrer dunklen Schlucht als „Wütende Ach“ der elementarste und dramatischste deutsche Fluß. Die geologisch und biologisch aufregende Wutach, in deren canonartiger Schlucht vierzehnhundert Käferarten gezählt wurden und klimatische Unterschiede wie zwischen Spitzbergen und Sizilien bestehen, ist von Heinrich (?, Anm. des Lesers) Cloos, dem mit dichterischer Kraft schreibenden letzten Klassiker der Geologie, das von dem starken Arm des Rheins regierte Schwert genannt worden, das die Enthauptung des alten Donautals vollzog, womit dem Donautal Zuflüsse aus den Tälern des Schwarzwald-Osthanges abgetrennt wurden.“ Vor zwanzig Jahren wanderte ich sommers mit zwei Freunden das erste Mal durch die Schlucht. Wir hatten nur das Nötigste dabei: Schlafsäcke, Brot, Käse, Wein und eine Gitarre. Es dürfte unter der Woche gewesen sein, wir trafen im Wald auf keine Menschenseele. Auf und ab entlang des rauschenden, bisweilen schäumenden Flüßchens, es war ein prächtig gelungenes Abziehbild deutscher Romantik, Eichendorffsches Getaugenichtse in Reinkultur. Gegen Abend ruhten wir uns in einer Niederung an einer zahmen Flußstelle aus, aßen, tranken, sangen, begleitet von der Wutach und ihren hochmusikalischen Wesen. Diese flache Landzunge war bestanden von fünf im Kreis geordneten Tannen oder Kiefern, als markierten sie die Eckpunkte eines Pentagramms. Der Boden war bedeckt mit trockenen Nadeln und bevölkert von einigen der Hübnerschen Käfer. Als es dämmerte, beschlossen wir, in der Schlucht zu nächtigen. In solchen Fällen wird man morgens mit der Sonne wach. In der Schlucht brauchte sie natürlich etwas länger, als in der freien Ebene, um durch das Walddickicht zu uns auf den Boden vorzudringen. Unabhängig voneinander, stellte sich heraus, nachdem wir unsere Schädel in den morgenkühlen Fluß getunkt hatten, hatten wir in der Nacht alle drei Besuch von Wildschweinen gehabt. Ob der nur im Traum oder in Wirklichkeit geschehen war, ließ sich nicht sicher feststellen. Schnell war von der Magie des Schwarzwalds die Rede. Da kamen plötzlich zwei Wanderer aus dem Gebüsch und wünschten uns guten Morgen. Das Wochenende mußte begonnen haben. Wir schlugen uns durch zu einem Ausgang aus der Schlucht und suchten nach unserem Wagen, einem edlen Fabrikat, das eigentlich dem Vater des einen Freundes gehörte. Über einer saftigen Bergwiese klarte mit leisem Brummen der Tag. Ich schmiß ein Butthole Surfers-Tape ins Kassettendeck. Es war eine erhebende, gigantische Mischstimmung.

Spruch am Basler Rathaus

Rathen und weise Rathschläge geben,
Erfordert Sinne und nüchtern Leben,
Rein Gewissen sorgt fürs Vaterland,
Und reicht der Unschuld treue Hand,
Recht hören und erwegen wohl
Von mir man fleißig lernen soll,
Mit Urtheil fällen gar nicht eil,
Es seynd denn gehöret beyde Theil.
Gleich Recht theile mit manniglich,
Und nicht nach Gunst das Urtheil sprich.
Denn wo du hast unrecht gericht,
Wird dirs gewis GOTT schenken nicht.

(zitiert nach Dielhelm)
Anmerkung: Unbedingt dem Kölner Rat zur Verfügung stellen.

Augst

Einst bedeutende Römersiedlung am Rhein und vorgeblich der (ab 1582) erste archäologische Ausgrabungsort nördlich der Alpen war Augusta Raurica. Seit 130 Jahren wird dort regelmäßig gegraben, ein kompletter Rheinhafen steht noch zur Suche ausgeschrieben. Plinius der Ältere berichtet laut Historischem Lexikon der Schweiz im Zusammenhang mit Augusta Raurica von Kirschen vom Rheinufer und Varro über Vorder- und Hinterschinken-, Wurst- und Speckimporte aus Gallien. Was es heute bedeutet, Fleischeinkäufe im Schweizer Grenzverkehr mitzunehmen, und sei es nur durch den Korridor zur deutschen Exklave Büsingen, erklären einem Schweizer Zöllner gern detailliert anhand ausgeklügelter Fleischproperson-Diagramme und Bußgeldlisten. Über aktuelle Einfuhrbeschränkungen für Kirschen ist mir hingegen nichts bekannt. Ein wunderbarer Eintrag über den 1961 „entdeckten“, besser gesagt: freigelegten Silberschatz von Kaiseraugst findet sich derzeit bei Wikipedia: „Im Winter 1961 stiess ein Baggerführer bei Bauarbeiten für einen Sportplatz auf eine ‚Blechscheibe’, die er für ein weggeworfenes Rasierschaumbecken hielt. Kurz danach begann es zu schneien und der offen daliegende Fund wurde mit Schnee zugedeckt. Einen Monat später fand hier ein spielender Schüler ein gutes Dutzend scheibenähnlicher Gegenstände. Er nahm ein Exemplar mit und zeigte es seinem Lehrer, der ihm jedoch riet, das Ding wegzuwerfen. Was der Bub daraufhin wegwarf, war das Ariadnetablett, eines der Prunkstücke des Schatzes. Wenig später sah sich eine Familie auf dem Bauplatz um. Der Vater fand ein verbeultes Stück Blech, das er abrieb und mitnahm, denn die Zeichnung in der Mitte gefiel ihm. Es war die Achilles-Platte, das mittlerweile bekannteste Stück der Sammlung. Marie Schmid-Leuenberger, Wirtin des nahe gelegenen Gasthofes ‚Löwen’, beobachtete den Vorfall und notierte sich die Autonummern. Neugierig geworden, besuchte sie ihrerseits den Bauplatz und wurde ebenfalls fündig. Sie fand fünf Platten, nahm sie mit und wusch sie gründlich.“ Ebenfalls eine schöne Augster Begebenheit, und wer weiß, ob hierin nicht eine direkte Verbindung zum erwähnten Schatzfund besteht ((nur daß die bei Dielhelm erwähnte Dame mittlerweile wohl erlöst oder skelettiert (oder beides) sein dürfte)) kennt der selten um eine gute Story verlegene Rheinische Antiquarius: „Die dasigen Einwohner tragen sich mit einer lächerlichen Fabel, indem sie eine Gruft zeigen und davon vorgeben, daß sich darinnen ein unterirrdisches Frauenzimmer oder vielmehr eine verfluchte und verwünschte Jungfrau in einem wohlerbauten Pallast, wobey ein schöner Garten befindlich sey, aufhalte. Es habe dieselbe im Jahr 1520. ein Schneider namens Lienardus oder Leonhardus, der unverhoft in die Höhle gekommen, gesehen, und sey von derselben mit allerhand guldenen und silbernen Münzen beschenket worden. Sie soll schön vom Leibe, mit gekröntem Haupt und fliegenden Haaren, unter dem Nabel aber als eine abscheuliche Schlange anzusehen seyn. Oberwehnten Schneider habe sie damals zuverstehen gegeben, daß ihre endliche Erlösung durch einen dreyfachen Kuß eines reinen und unbeflekten Jünglings geschehen müsse.“

Rheinfische

Kleine Liste der Fischarten im Rhein (Raub-, Fried- und Fakefische):
Aal, Aland, Äsche, Balse, Bergschnuchs, Barbe, Biegel (lokal auch Bügel), Brachse, Brasse, Döbel, Driefauge, Felche, Felsling, Flunder, Flußbarsch, Grauer, Hecht, Karausche, Kaulbarsch, Kessler-Grundel, Marmorgrundel, Mühlkoppe, Nase, Neunauge, Quappe, Quellkaule, Rapfen, Rotauge, Rotfeder, Schlammpeitzger, Schleie, Schneider, Sonnenbarsch, Steinbeißer, Stint, Ukelei, Weißflossengründling, Wellenweber, Wels, Zander.
Das kanns aber nicht gewesen sein. Diverse Quellen sprechen von mindestens 63 aktuellen Arten (Tendenz steigend), ohne sie sämtlich zu nennen. Ich bitte die geneigte Leserschaft um ergänzende Hinweise.

Rheinprobe (im Internet)

Heute nach Rheinfischen und Metamorfosen Fisch/Mensch (et vice versa) gesucht und einige schöne geheimnisvolle Zeilen gefunden. Das kam so: bei meiner tagesaktuellen Rhein-Exkursion hatte mich etwas angespuckt. Es war aber waldig dort und weit und breit kein Mensch. Vielleicht eine Kröte, vielleicht ein isolierter Regentropfen aus dem Blattwerk oder den häufigen Lücken im Himmel. Es war pervers, aber ich hatte Internet dabei. Es war feucht, d.h. die Verbindung flackerte und vertauschte mehrfach Wörter und Artikel: „auf Eisen schlagend sitzen sie beim Fisch-Fernsehen, eben noch den Fluß von Hand angetrieben“, das mußte sich auf vormals intraglaziale Wesen der La Tène-Kultur beziehen. Ich erinnerte mich an einen Traum, in dem prähistorische Strichmännchen, von sich selbst an Höhlenwände gemalt, in einem etwas ekelhaften Prozeß verfleischlichten. Warum kam mir das jetzt in den Sinn? Das Bild des Bodensees tauchte auf, fiebrige Pfahlbauten, die Männer beim Hämmern und Töten, die Frauen beim Waschen, grobe ermüdende Arbeiten, aber Abends sitzen sie gemeinsam auf der Terrasse und starren auf den von der Abendsonne mit glutenden Farben bestrichenen See, eine angenehme Wärme, seit Generationen vermißt, breitet sich durch die Szenerie, unter der unwirklichen Wasserhaut oszillieren Fischschatten, Rücken und Schwänze, einzeln, gedoppelt, vielfach im Kreis, gehetzte Flammenpunkte und schwarze Feuerschneuße, sie spüren Gefahr, erlernen den Zickzack, begeben sich auf die Flucht. Die Menschen auf der Terrasse betrachten das Schauspiel und empfinden etwas Unsagbares, religiöse Gefühle entstehen, die den See teilenden Rheinwellen übertragen wunderbar-schwebende Felchenschwärme auf den Bewußtseinsschirm, sie heben das Gemüt, die Landschaft beginnt zu dampfen, die Menschen reiben sich, die Umgebung der Siedlung besteht aus Muscheln und Müll, es knirscht, die Menschen sprechen logische Gedankenfolgen aus, unterbrochen von kurzen Features über neueste kulturelle Errungenschaften: Alkoholerzeugung und -konsum, Repräsentanzrituale, Gottesdienst, Kunsthandwerk, Distinkton. Es ist ein spontanes Festival, sie singen: „Ach du mein zerklüftetes Felsental, mit deinen Höhlen und Wannen“, mit Riesenschritten hebt die Fruchtbarkeit über den Abend hinweg in eine glänzende Zukunft, sie steigern sich in Hochachtung vor den eigenen Leistungen, manche packt der Übermut, sie springen ins Wasser in mondloser Nacht und später heißt es, man habe sie zur Unzeit wiedergesehen, mit Flossen und nadelspitzen Zähnen. Es ist eine Zeit, in der alles Elbische noch völlig gleichberechtigt agiert. Die Menschen kennen kein Hightech und den Neoliberalismus höchstens als Haltung, nicht aber als Wort, dafür sind sie in der Lage, sich in Tiere zu transformieren oder einfach zu verschwinden – doch nix da, sie haben uns Heutige zu verantworten, so wie wir die Generationen nach uns. Von den Mischwesen sind uns mehr Bilder als Namen erhalten, Bilder, die natürlich angezweifelt werden, Namen, die zu faustisch klingen, um noch als wahr durchzugehen. Das Licht verschwindet, ausgeknipst von der Bionic Woman mit ihrem gedankengesteuerten Roboterarm. Um mich rum ist Wald. Auch Flußgeruch. Der Akku leert sich. Ich sehe keine Kröte.

Rheinprobe (bei Köln)

verwebt/bewegt unter automatischen Fischflächen
das klare Bild einer verwässerten Idee. Ständig
brechen neue Tage aus dem abwesenden Licht
schwer erfüllbare Tage für eine Welt voller Idioten
Die einen ziehen Mauern hoch, die andern hauen
sie in Stücke. Motive des Lebens. Gelten ebenso
unter Wasser wie im Industriegebiet. Der Rhein
gräbt sich durch ein projiziertes Schema. Liquor
in kleinen Portionen ausgeschenkt, auf dem Grund
der Gläser hockt Gott. Kaum erkennbar. Quakt mit
all seinen Stimmen: einer geht noch, einer geht
noch rein. Vage Erinnerungen an den Nullpunkt
Als ich mich endgültig in einen Fisch verwandelte
ein Stück Eiweiß, das nach und nach hinter seiner
Zeichnung verschwand. Wie eine zittrige Magnet-
nadel, ausgerichtet nach da und dort, ein zufälliger
Vektor auf Wanderschaft. Seilspringend zwischen
Diagrammkurven. In Heisenbergscher Unschärfe
in meinen Händen ein ängstliches hungriges Herz

L. L.

Von oben, wiederholt, so wie Spielkarten auf einen Stapel gedroschen werden, zack, zack, dasselbe Motiv: Blick ins Rheintal, wie für ein Kamera-Still bei schönstem Frühlingswetter eingefroren die Walrücken der Frachter, die winzigen Schaumstreifen der Heckwellen eine exotische Cocktailbeigabe, hüben und drüben auf den Bergkuppen lauter markante Ruinen. Ein sich überdeckendes, ein dermaßen, ein, ein scheinbar unendlich mit sich selbst kongruentes Bild, dessen Schönheit Risse (leichte, vermutlich elektrische Schmerzimpulse) im Denken auslöst, in Zusammenhang mit den passenden Klängen (Beethoven, Wagner, Kraftwerk, Der Plan). Und dann gerät etwas ins Zittern, Rütteln, Schwanken. Die Wasserfläche weitet sich zur See, lautlose Flugzeuge, mittelgroße Maschinen, die in einem Wettbewerb massenweise und bestens koordiniert in einen Nebenfluß sinken, um nach einigen plumpen Versuchen strahlend aufzutauchen, gleich behäbigen Fischen, die irgendwelchen Schwarmvorgaben folgend plötzlich den historischen Schritt des Landgangs für unsinnig erachten, wieder durchstarten, ein fantastisches Spektakel, betrachtet von hunderten Schaulustigen am Ufer. Das Ganze kommentiert von einem hochaufgeschossenen Mann, schwarze Kleidung, Charakterschädel, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, ein Kreativer vermutlich, genau wie die hübsche Dame aus der Stadt, schnittige Frisur, aufs Äußerste blondiert, die mir erzählt, sie trage statt des Gehirns eine Gebärmutter im Schädel, darin ungeborene Kinder sich streckten und wieder zusammenschnalzten, es mache sie ganz wahnsinnig, die mir schließlich ihre Initialen nennt, die auch auf ihrer Brusttasche eingestickt sind: L. L. Die Dame, die sich in mein Bewußtsein gehackt hat, wird mir klar. Sie steht direkt vor mir. Ihre vollen, an manchen Stellen knautschigen Lippen arbeiten an meinem hypnotischen Zustand. Je nach Blickwinkel ist sie einen Kopf größer oder kleiner als ich selbst. Sie redet auf mich ein, verschiebt meine Gedanken, spielt Tetris oder Memory damit. Ich versuche, ihr eine zu knallen, sie lacht. Zwischen ihren gebleichten Zähnen das weite Tal ihrer Zunge, die am Horizont des Rachens, aus dem eine unergründliche Melodie schwingt, verschwindet, blau in blau. Der Himmel sinkt und kippt, Geröll walzt durch meine Adern, mein Abdomen, es zieht mich fort, mein entäußerter Körper zerschellt an der Befestigung ihres Willens. Ich versuche mit ihr zu sprechen, doch die Gegenwart ist zu wild mit all ihren Geräuschen, Kommunikation findet allenfalls gestisch statt. Ich zücke mein Notizbuch. L. L. schreibe ich hinein. Sie wünscht mir Glück. Verdrückt eine Träne. Stille. So läuft es jedesmal, sagt sie. Preßt ein paar Kinder aus ihrem Schädel und stolziert davon.

Übers Siebengebirge auf den Rhein

Zu Dielhelms zweiter Auflage war das Nibelungenlied noch auf ein gutes Jahrzehnt unbekannt bzw verschollen. Der Fund der ersten Handschriften (A und C) zu Hohenems datiert auf 1755 und 1759. So mißt der Rheinische Antiquarius dem Drachenfels auch keine besondere mythische Bedeutung bei. Das komplette Siebengebirge wird sehr knapp abgehandelt: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenante Siebengebürge, lat. Mons Siebenus oder Siberius, und ehedessen Mons Rheticus genant. Es erstrekt sich selbiges neben dem Rhein bis gegen Bonn, und besteht eigentlich aus sieben aneinander hangenden Bergen, davon immer einer höher als der andere ist. Oben darauf haben vormals sieben Bürge oder Schlösser gestanden, von denen aber heut zu Tage die mehresten nur noch alte Bruchstücker zerfallener Mauren aufweisen, und Dadenberg, Plankenberg, Löwenburg, und Wolkenberg heissen. Den letzten Berg als den allerhöchen soll man darum also genennet haben, weil er nicht anders anzusehen gewesen, als sties er an die Wolken. Die drey letztern benamet man Drachenfels, Mahlberg und Stromberg. Jetziger Zeit findet man schöne Wiesen und Felder darauf, unten her aber den Wurzeln dieser Berge, und zwar nahe am Rhein sind die schönsten Schiefer= und andere Steinbrüche zu betrachten.“ Vom Drachenfels selbst geht’s klassischerweise auf Trampelpfaden, vorbei am Ulanendenkmal für ein badisches Regiment samt Buchsbaumhecke in Form des Eisernen Kreuzes, vorbei an steilen Weinbauflächen den neuerdings als Rheinsteig ausgewiesenen Weg bergab nach Rhöndorf, wo nebst Adenauer auch der Hund begraben liegt. Immerhin, von dort ist es nicht mehr weit bis zu den Inseln. Überm linken Ufer dreht sich langsam der Rolandsbogen mit der Erdrotation, verengt und verbreitert sein Tor. An der oberirdischen U-Bahn-Haltestelle Bad Honnef-Am Spitzenbach plätschert ein vermutlich gleichnamiges Gewässer in den Rhein. Zur Rheininsel Grafenwerth führt eine Fußgängerbrücke, auf deren Mitte ein freakiger Musikus sein imposantes Keyboard gerollt hat, um das allgemeine Wochenendwandeln treffsicher mit flauen Melodien zu untermalen. Daß er keine Sozialhilfe bekäme, steht auf einem Pappschild und er ein Wanderer sei. Nächst der Insel scheint er wohlbekannt. Auf dem mindestens scheintot wirkenden Rheinarm, der Grafenwerth rechts umfließt(?), dümpelt ein schwarzer Aalschokker, seit ewig und drei Tagen ausrangiert, kompakte kleine Jugendliche tragen eine Kiste Kölsch an den Strand, sie kommunizieren per Zischlauten, auch Buchfinken pfeifen und hüpfen herum, hinterm Rolandsbogen verschwindet die Sonne, nicht ohne sich mit einigen besonders ausgewählten Tönen zur Nacht abzupudern, auf dem Rhein schwimmen romantische Lichtreflexe, verweben sich einander zu etwas, das man sonst nur aus alten Gedichten kennt. Die Gesamtstimmung ist videoüberwacht. Das Leben leicht. Die Beine schwer. Wer auf uns aufpaßt? Irgendwer.

Königswinter

An der Grenze des Herzogthums Berg liegt das Chur=Cöllnische Städtgen Königswinter / von dem aber nichts kan gemeldet werden. (Dielhelm: Rheinischer Antiquarius) Heuer stellt Königswinter einen B-Touristenflecken vor, der auf eher belächelnswerte Weise zum Zuge zu gelangen trachtet, mit einer nochmal kräftig aus der ohnehin teilverhunzten Kulisse fallenden Sea Life-Halle oder überflüssigen Lädchen in der Fußgängerzone wie „Rüdiger`s Welt“, der einige der dümmst-vorstellbaren Sprüche überhaupt auf T-Shirts gedruckt an den apostrofgewöhnten Amerikaner zu bringen sucht. Zwei Esoterikklitschen scheinen halbwegs in die Fachwerkkulisse integriert. Auch die Asiaten, die ohnehin global gewaltig im Kommen sind – sie wirken nirgendwo wirklich fehl am Platz, als wären sie schon immer und eigentlich noch viel länger bereits dagewesen und wüßten, was das alles zu bedeuten hat, weil sie ihren Siddhartha Gautama, Konfuzius und Laotse in- und auswendig kennen. Es ist Mittag, die Zone füllt sich. Vor und im Marmaris-Imbiß rennt ein geschäftiges Team eher sinnentbunden hin und her – wohl hauptsächlich, um Kundschaft vorzugaukeln. Dieser Imbiß kann leider nicht verschwiegen werden, steht er doch stellvertretend für das lieblose und weltweit bekannte Konzept, möglichst vielen Touristen möglichst viel Geld für möglichst geringe Gegenleistung aus der Tasche zu ziehen. Gegen Grills (siehe: grills sind ok, Köln/Düsseldorf 1999) ist schon aufgrund ihrer basisnahen Art selten etwas einzuwenden, der Marmaris-Imbiß von Königswinter aber bildet die Ausnahme. Hinter der Fußgängerzone beginnen die Königswinterer Slums, enge Gassen führen zu offensichtlicher Armut und Verfall, Touristen meiden diese „echten“ Gässchen lieber, in denen bösartige Gartenzwerge mit hämischem Grinsen und krebszerfressenen Nasen von den Fensterbänken grüßen und ihren Todeshauch verbreiten. So richtig was los ist an der Promenade, viele ihrer Hotels könnten ebensogut an der Nordsee stehen, der Auftrieb ist für die Jahreszeit durchaus ansehlich, ein Durcheinander an Menschen und winzigen Dackeln, welche diese Saison besonders in Mode scheinen. Eislöffeln am Schiffsanleger. Ansonsten kann auch vom heutigen Königswinter nicht viel vermeldet werden, außer vielleicht dem Bahnhof Oberdollendorf Nord im Trog der B 42, der in eine zumindest bei Dämmerung abstrus bis konfliktbeladen erscheinende Siedlung führt, die eine genauere Betrachtung wert sein mag, ein andermal.