Monatsarchiv für Februar 2009

 
 

Nepomuk

Der Kölner Nepomuk wirkt leicht versetzt unter der Mülheimer Brücke über der flußzugewandten Mauerbrüstung von St. Clemens und Liebfrauen, dem Dreh- und Angelpunkt der berühmten Mülheimer Gottestracht, die mannsgroße Statue aus Belgisch Granit hat etwas von einer Gallionsfigur, Einsamkeit umweht den heimatfernen Heiligen an steinerner Reling, man kommt nicht recht an ihn heran, er bleibt ganz bei sich, im Windzug der Rheinschneise, unter seinen Anti-Grafitti-Imprägnierschichten, seine Nase trennt alle Himmel, er starrt fotogen in die Ferne. Dieser hiesige Nepomuk ist kein Einzeltäter, sondern nur einer aus einer ganzen Reihe von Klonen, wie sie die katholische Kirche seit der Erfindung ihrer Heiligen bekanntermaßen mit voller Absicht und ohne bestimmbares Limit produziert. Vage meine ich mich zu erinnern, woanders am Rheinlauf durchaus und immer wieder auf weitere Nepomuks gestoßen zu sein, und sei es nur im Traum. Die Vorlage des kühlen Mülheimer Götzen, ein bärtiger Kerl namens Johann Nepomuk aus dem 14. Jahrhundert, ursprünglich Böhme mit angeblich deutschen Wurzeln, wurde, kurz zusammengefaßt, nachdem er sich in einem kircheninternen Konflikt gegen den Bischof auflehnte, nach den seinerzeit üblichen Folterungen von der Karlsbrücke in die Moldau gestürzt, was er zunächst nicht überlebte. Seine Katholiken sprachen ihn später dann heilig, setzten ihn sinnigerweise als Schutzpatron der Brücken ein und riefen seinen wohlklingenden Namen seitdem an bei jeglichen Wassergefahren. (Sie sollen das bis heute tun.) Die Bewohner der rechtsrheinischen Stadtteile heißen dem linksrheinischen Kölner auf klassisch-verniedlichend-ausgrenzende Weise Pimokken (Polen) und so steht der heilige Pomukke schließlich auch sprachbasiert auf der gebührenden Seite. Zu den herkömmlichen Wassergefahren gehörten natürlich die vorchristlichen Rheinbewohner wie Nixe und Nixen – hier liegt einiges Potential für wagnerianische Verfilmungen zur heimatlichen Sagenwelt offen (Nepomuk vs. Wellgunde, Woglinde und Flußhilde), wie überhaupt die Kolonialisierung der Rheinvölker durch die Römer und ihre Christianisierung durch Iren noch jener bombastischen Aufarbeitung in den modernen Medien harren, die ausländische bis außerirdische Monster (King Kong, Godzilla, Predator, Alien) so populär gemacht und das deutsche Urviech derzeit klar ins Abseits gestellt haben.

Rijnkade

Der Rhein gesehen parallel zum Rhein: Die Straße beginnt am Neuen Kai und am besten, Sie gehen rückwärts zur Nelson Mandela-Brücke, die vor hundert Jahren geschichtlich gesehen noch nicht existierte. Sie können die Daten überspringen. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Zugverbindungen besser wurden. Denn die Stadt Arnhem liegt nicht an den Ufern des Rheins, hat sich aber seitdem dort niedergelassen. Erst als der Kurs des Rheins sich verschob, kam der parallele Rhein an die Ufer und war links und rechts zu sehen, sodaß der Fluß an Arnhems Stadtmauern von beiden Seiten die richtige auserwählt hat, um sie in Spiegelschrift zu befließen. Der Kurs wurde von Arnhem verschoben, der Rhein kam am Fluß zu liegen, genau an der Stelle, an der er sich aufteilt und weiterfließt. Seit Jahren schuftet dort eine Gruppe von Arbeitnehmern mit Schaufeln und Schubkarren. Der Fluß aber, anders als zum Beispiel in Nijmegen und Zutphen, spielt nur eine begrenzte Rolle bei der Entwicklung der Stadt. Sie ist vektoriell unentschlossen. Er ist häßlich. Ältere Bilder von Arnhem zeigen, daß der Kai und die angrenzenden Gebäude, im Vergleich mit den genannten Städten, wenig beeindrucken. Sie werden nun auf modern getrimmt. Der Mensch nimmt diese Vorgänge anders wahr. Ein großer Teil der Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erstellt. Dazwischen ein fahrender Imbiß mit Streifenjalousie und Kibbeling. Diese Architektur strahlt Trauer und wenig ursprünglichen Anreiz aus. Sie können in den zahlreichen Straßencafés sitzen und Blicke riskieren. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bietet der Rhein, parallel zum Rhein gesehen, gewöhnungsbedürftige Erscheinungsbilder. Die Tätigkeit der Vergangenheit ist vorbei. Sie erhält sich in kreisenden Erinnerungen an den Museumswänden mit elektronischer Vollautomatik. Heute ist Arnhem wichtiger Ausgangspunkt für eine Reise entlang des Rheins: tausende von Touristen werden in den modernen Hotelbooten versandfertig gemacht. Sie alle sehen sich ähnlich. Darüber hinaus die Partygänger und Tagestouristen. Es bleibt nicht viel zu sagen. Der Fluß ist nach wie vor. So sind die Menschen.

Wasseraugen

Wasseraugen, chemisch liiert. Zoomen auf
puschlige Wolkenränder, Heiteres, skulpturiert
zu einer Vorstellungswelt, die Sinn machen
die in sich blenden und aus sich strahlen soll
Da ist es doch völlig egal wie untertunnelt und
leitungsüberspannt die Welt ganz ungeheuren
Energieflüssen ausgesetzt unablässig brazzelt
und den ewig altbekannten Senf von sich gibt
Wimpern flattern und zucken von Stromstößen
bedroht der nervöse Uferbewuchs, der Bisam
rackert im Grasesschatten, von Flucht zu Flucht
geschmuggelter Pulsschlag, gebannte Sonnen
Tropfenspektren, zerschmetterte Amöben, die
immer mehr Amöben ergeben, in gespiegelten
Himmeln wirbelnde Höfe gekalkter Seelen bis
zu den Feldern voll Mohn und weiter reichte
der Regen, ab einem bestimmten Punkt sind
Eiseskälte und Hitzetod zwillingsgleich. Über
skoliotische Wallungen brettern Jetski-Amateure
geschluckt von strudelnden Pupillen, von Hand
geweiteten Wasseraugen, die in die tiefsten
Schwärzen führen, über kaum wahrnehmbare
Kämme, an geheime Nullpunkte, innerhalb
derer der Rhein noch originalgetreu rauscht

Liechtensteiner Kiesel

Heute erreichte mich aus dem fernen Liechtenstein etwas sehr schönes vom dortigen Rhein, samt Panoramafoto von der Fundstelle: ein flacher Kiesel in zurückhaltendem Grau, steinernes Unendlichkeitszeichen, beidseitig figurativ ausgewaschen, als wäre das Fundstück selbst über Jahre strudelbildend und im Gegenzug vom Strudel per zwiefach autistischem Akt aufs Wesentliche zurechtgeschliffen: der Christ würde sagen, der Kiesel zeige einerseits die wundersam schwangere Madonna, andererseits die heilige Mutter gesichtslos vergehend im Hintergrund und vorne das runde Erlöserkind, der Buddhist fände Buddhas feistes Abdomen in Nanagestalt, der Hinduist sein in die Quadratur des Kreises gesetztes Mantra, der Mystiker sähe konzentrisch überblendete Wasseraugen voll wissender Blicke – wie auch immer, der Liechtensteiner Kiesel transponiert das formlos Göttliche in eine gebündelte fysische Aussage, ein devot anmutendes Objekt, das prima in die Faust paßt und dabei grenzenlose Friedfertigkeit ausstrahlt, eine Welle aus Stein, mit schwungvollen flußgemachten Kerben gegürtet, befreit aus ihrem engen Tal, Altarstück und Laotse-Kapuze, ein Mahnmal, Schichten zu überwinden und die Waffen zu senken, und was nichts sonst noch alles: ein Pars pro toto-Planet, manifest zwischen dem was kommen wird und all den unnützen Gedanken darum. Bis jetzt habe ich im Rheinland während zahlreicher Strandwanderungen einen vergleichbaren Kiesel noch nicht entdecken können. Der Gestaltungswille des hohen Rheins scheint urtümlicher, nicht umsonst auch klingen die Sprachen der Alpenregion nach über Fels springendem Wasser; dieser Kiesel steht in einer Tradition jener fein gearbeiteten, auf die einfachsten Dinge rekurrierenden Wunder, die sich freiwillig auf Grautöne beschränken, um sich der modernen Schnelllebigkeit, dem Diktum des Um jeden Preis auf den ersten Blick-Gefallenmüssens zu entziehen, die ihr leises Rauschen unter Verschluß halten, bis ein fallengelassener Blick ihre Absichten kreuzt, dann beginnen sie zu strömen, das haben sie in der Alpenrheinrinne von der Pike auf gelernt.

Stupor Mundi

Weils eine typische Seite der rheinischen Mentalität von außen beleuchtet, und weil sie an dieser Stelle exemplarisch für die deutsche im Jahre 1933 hergenommen wird, nicht zuletzt weil diese Passage ganz allgemein das Staunen der Welt besonders gelungen widergibt, zitiere ich nochmal aus dem Fermor (siehe Eintrag vom vergangenen Freitag): „In einer jener dem Untergang geweihten rheinischen Städte, ich weiß nicht mehr in welcher, konnte ich einen kurzen Augenblick lang sehen, wie unvermittelt der Wechsel für viele Deutsche gekommen war. In einer Arbeiterkneipe freundete ich mich spätabends mit einigen Fabrikarbeitern an, die gerade von der Spätschicht kamen. Sie waren ungefähr in meinem Alter, und einer von ihnen, ein fröhlicher, übermütiger Bursche, bot mir an, ich könne bei ihm auf dem Feldbett seines Bruders übernachten. Als wir die steile Treppe zu seiner Dachkammer erklommen hatten, stellte sich heraus, daß sein Zimmer ein Hitlerschrein war. Die Wände waren über und über mit Flaggen, Fotografien, Plakaten, Parolen und Abzeichen bedeckt. Seine SA-Uniform hing fein säuberlich auf einem Kleiderbügel. Er präsentierte diese Kultgegenstände mit glühendem Eifer und zeigte mir zum krönenden Abschluß das Glanzstück seiner Sammlung. Es war eine Automatikpistole, eine Luger Parabellum, wenn ich mich recht entsinne, sorgsam geölt und in wasserdichtes Tuch eingeschlagen, zusammen mit einem Stapel grüner Pappschachteln mit Munition. Er nahm die Pistole auseinander, setzte sie wieder zusammen, lud das Magazin, ließ es mit Schwung einrasten und entfernte es wieder, legte einen Gürtel mit Brustriemen und Halfter an, ließ die Pistole geschickt hinein- und wieder hinausgleiten wie ein Cowboy, schleuderte sie in die Luft und fing sie wieder auf, ließ sie um den Finger kreisen, tanzte mit einem zugekniffenen Auge durch das Zimmer, als nehme er ein unsichtbares Ziel ins Visier, und tat mit lautem Zungenschnalzen, als drücke er ab… Als ich fragte, ob ihm mit all den Sachen in seinem Zimmer nicht beklommen zumute sei, lachte er, setzte sich auf die Bettkante und sagte: „Mensch! Du hättest es letztes Jahr sehen sollen! Du hättest dich krankgelacht! Da war hier alles voll mit roten Fahnen und Sternen, überall Hammer und Sichel, Bilder von Lenin und Stalin, Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Damals habe ich zugeschlagen, wenn einer das Horst-Wessel-Lied sang! Für mich gab es nur die Rote Fahne und die Internationale! Ich war nicht bloß ein Sozi, ich war Kommunist, ein waschechter Bolschewik!“ Er hob die Faust zum Gruß. „Du hättest mich sehen sollen! Straßenkämpfe! Wir haben die Nazis nach Strich und Faden versohlt, und sie uns. Wir haben uns totgelacht. Aber als Hitler dann an die Macht kam, ist mir mit einem Mal klargeworden, daß das alles Unsinn war, nichts als Lügen. Ich begriff, daß Adolf mein Mann war. Einfach so, aus heiterem Himmel!“ Er schnippte mit den Fingern. „Und hier bin ich also!“ Was aus seinen alten Frenden geworden sei, wollte ich wissen. „Die sind auch alle rübergewechselt! – die ganzen Jungs aus der Kneipe. Alle ohne Ausnahme. Die sind jetzt alle in der SA.“ Ob sich denn auch viele andere so verhalten hätten? Viele? Er riß die Augen auf: „Millionen! Ich kann dir sagen, ich habe gestaunt, wie schnell die alle die Seite gewechselt haben!““

Rheinsingsang

durch eine zielrohrähnliche Tunnelanlage
von einer vielflügeligen Fräse getrieben
die wahwahlastige Musik der Weißfische
kommt in auslaufenden Druckwellen
mit splitternden kleinen Grätenpfeilen
Wildlife abseits der Genfer Konvention
die ewigen formschönen Kiesel über
die Goethe schon schritt, schon Heine
das schönste Vermächtnis der Nation
besteht aus Wellen, Aufbau und Zerfall
Altare im zeitlosen Dämmer des Gerölls
in den Jahresringen riesiger Welse
freigelegt von Schiffsschrauben und
der Tiefenschärfe des Fachjournalismus
im Gries der Strömung lauern Grauwerte
auf Grauwerte, das stumme Dröhnen
der Jahrmillionen, wie easy es schwingt
und dann die Einschläge der Kormorane
als Filmsequenz ein Stückchen Ewigkeit
sie wachsen dem Fluß aus den Ohren
aus dem Mund, überlagert von einer
nur äußerlich blond wirkenden Melodie

Die guten alten Kulte

Im Rheindurchlaß des alle verfügbaren Dimensionen bedienenden Drehkreuzes der Zeiten wird es enger und enger – was Wunder, wo die Zahl der Epochen fürs erste kaum abnimmt. Ein ganzes Regal voller Epochen beschreibt, durchmischt und vergleicht allein der im Jahre 1956 verschiedene französische Historiker Lucien Febvre in seinem Buch Der Rhein und seine Geschichte und er tut dies in einer für Historiker ungewöhnlich saftigen Sprache, die den Rheinländer von früh auf als Produkt seiner Durchzugs- und Partylandschaft charakterisiert:

„Überall im Rheinland werden nämlich durch wandernde Priester, levantinische Händler oder Sklaven beiderlei Geschlechts die verschiedensten Gottheiten kolportiert. Hier zunächst die seltenen: der Jupiter von Doliche in Commagena, der in den Lagern am Limes in den Garnisonsstädten verehrt wurde; dann sein Nachbar, der Jupiter von Heliopolis in Syrien; ferner das Heer der ägyptischen Göttinnen und Götter: die eine und vielfache Isis, ihre Gefährten Serapis und Anubis; vor allem aber die Große Mutter, die phrygische Kybele auf ihrem Löwen mit dem Heiligen Tympanon in der Hand. Sie übte die Schirmherrschaft über die rote Taufe aus, die später durch die Wassertaufe ersetzt wurde: In einer Grube, die sich unter durchlöcherten Dielen befand, empfing der Gläubige das heiße, entsetzlich stinkende Blut, das aus dem Hals eines abgestochenen Stiers troff. Häßlich und abstoßend kam er daraus her, aber nun war er gereinigt. Während dessen tanzten die Frauen wilde Tänze, wurden die Dendrophoren mit der Heiligen Ähre herumgeführt, gerieten die entmannten, geschminkten Priester in Verzückung, schlitzten sich die Haut auf und schüttelten ihre langen, blutgetränkten Haare über die orientalischen Tuniken: ein bettelnder, oft suspekter Klerus, der aber wußte, wie man mit dem Volk umging und sein mystisches Verehrungsbedürfnis, seine Hoffnungsbedürfnisse und Heilserwartungen befriedigte. Etwas weniger wirr war der Kult um Mithras, den Unbesiegbaren. Auch Mithras tötete den Heiligen Stier, damit aus seinem Blut die verschiedenen Pflanzen, und Tiergattungen hervorgingen. Im zweiten und dritten Jahrhundert war dieser Gott so populär, daß er eine zeitlang mit Christus konkurrieren konnte – und zwar gerade im Rheinland, wo jede Stadt und jedes Lager sein Mithräum in Form einer Grotte besaß.“

Lucien Febvre, Peter Schöttler (Hg.): Der Rhein und seine Geschichte, Campus Verlag, Frankfurt/Main und New York 2006

im februar am rhein

schon akustisch zum kotzen das schnarrende
moewengeschwaetz am ufersaum. wie sie im
kies des gleithangs auf mobbing-opfer harren

vertrieben von grauen klaeffern, spritzend im
kargen pulverschneebelag. das ganze umland
vom bleichen himmel gefallen, einst sommers

zu heisz gewaschen & nun bereits seit wochen
ungebuegelt auffer leine. ueber die zoobruecke
jagen autos wie mobile hindernisse in einem

fruehen telespiel. den weg als ziel ausgerufen
nach einer beliebigen laotse-weisheit halb um
erloesung bettelnd, im sichtfeld der kathedrale

im flugfeld der moewen, mit ihrem boesartigen
gemecker, aus aengsten geboren, dabei stets
den naechsten schachzug laengst ausgeguckt

ihre fuszspuren bilden vektoren, anhand derer
sich auch menschliches schicksal hochrechnen
laeszt: der hunger, die gier & sucht nach naehe

Die Zeit der Gaben

Ziemlich genau in der Niederrheinecke, die ich in einem Jahrtausendwendesommer mit dem Fahrrad durchkreuze, um nach Arnhem, Zutphen, Deventer zu gelangen, dringt im verschneiten Winter 1933/34 ein Engländer namens Patrick Leigh Fermor zu Fuß aus der entgegengesetzten Richtung vor auf Goch, um gut vierzig Jahre später, anhand seiner damaligen Aufzeichnungen, in einem Buch namens Die Zeit der Gaben von seinen Erlebnissen Zeugnis abzuliefern. Im Drehkreuz der Zeiten treffe ich auf einen großen Wanderer: „An diesen ersten Tag in Deutschland entsinne ich mich nur noch ganz verschwommen: an verschneite Wälder und einsame Dörfer in der düsteren westfälischen Landschaft, fahle Sonnenstrahlen aus wolkenverhangenem Himmel. Meine erste klare Erinnerung ist das Städtchen Goch, das ich bei Einbruch der Dunkelheit erreichte; (…) Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazugehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; kleine Hakenkreuzabzeichen waren so ausgelegt, daß sie den Schriftzug Heil Hitler ergaben, und eine androgyne Schaufensterpuppe mit unschuldigem Lächeln trug die vollständige Uniform eines Sturmabteilungsmanns. (…) Das Knarren von Stiefeln im Gleichschritt zum Klang eines Marschliedes drang aus einer Seitenstraße. Geführt von einem Standartenträger, marschierte ein Trupp SA-Männer auf den Platz. Auf das Lied, das den Takt ihrer Schritte angab, Volk ans Gewehr! – ich sollte es in den nächsten Wochen noch oft hören -, folgte der unerbittliche Rhythmus des Horst-Wessel-Lieds: wer es einmal vernommen hat, wird es nie wieder vergessen; und als das zu Ende war, hatten die Sänger einen auf drei Seiten umbauten Platz erreicht und waren stehengeblieben. Mittlerweile war es dunkel geworden, und dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laternen. Die SA-Männer trugen Reithosen und Stiefel, steife braune Bergmützen, die Kinnriemen heruntergeklappt wie bei Motorradfahrern, und Gürtel mit Pistolenhalfter und Schulterriemen. Ihre Hemden, mit einer roten Armbinde am linken Ärmel, wirkten wie Packpapier, doch als die Männer den Worten ihres Anführers lauschten, sahen sie finster und bedrohlich aus. Er stand in der Mitte der offenen vierten Seite des Platzes, und bei seinem schnarrenden Tonfall lief es mir kalt den Rücken hinunter, obwohl ich nicht wußte, was seine Worte bedeuteten. Ironische Crescendi wechselten mit wohlplazierten Lachpausen, und nach jedem Lacher wurde der Ton ernst und eindringlich.“ Als die Rede mit Sieg! und dreifach Heil! endet, wendet sich Fermor in ein Gasthaus, in dem es ganz deutsch nach Bier, Maggi und Sauerkraut riecht. Nach einer Weile heben ebenfalls dort eingetroffene SA-ler von hübschen Försterstöchtern und kleinen Finken an zu singen: „Der Rhythmus wurde mit den Füßen gestampft, (…) später wurden sie leiser, ließen das Stampfen sein, die oberen Stimmen woben sich zu komplexeren Mustern, und der Gesang klang weicher, harmonischer. Deutschland hat einen reichen Schatz an regionalen Volksliedern, und was ich jetzt hörte, waren wohl Liebeserklärungen an die Wälder und Wiesen von Westfalen, lange, sehnsüchtige Seufzer, in Noten gesetzt. Es war bezaubernd. Unmöglich, sich bei soviel Schönheit vorzustellen, daß dieselben Sänger üble Schläger waren, daß sie jüdische Schaufenster zertrümmerten und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten.“ Fermor wandert dann weiter, immer den Rhein entlang, bis er an dessen Oberlauf Richtung Donau abzweigt.

Die Zeit der Gaben als Hardcover: Dörlemann, Zürich 2005
Die Zeit der Gaben als Taschenbuch: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2007

Rusheshiem

Rusheshiem ist fast so, wie Sie ein deutsches Dorf erwarten, lebendig mit Tavernen und Restaurants und nicht schenkelklopfend, der Marktplatz ist besetzt und das Warten lohnt sich, wenn Sie für die deutsche Ikone produzieren. Es gibt zu viele schöne Abschnitte des Rheins zur Wahl, aber die romantischen Grünabschnitte mit den schönsten Märchen sind Burgen entlang der Strecke. Die Ansichten auf beiden Seiten des Flusses sind weit weg und unterhaltsam und wandelbar genug. Sie hängen in Verzückung über die Seite des Bootes. Das Essen ist herzlich, die Einheimischen rot und die Landschaft hat sich ein ländliches Gefühl bewahrt, obwohl sie nahe an den wichtigsten Zentren baut. Einfach schöne Landschaft. Auf diese Weise lenken Sie an der schmalen Spitze des Landes mit all seinen Wracks und seiner Mythologie des Rheins Jungfrauen von den gefährlichen Strömungen ab.