Wanderer, kommst du nach Liechtenstein…

Es existiert, zumindest im geistigen Sinne, für Auswärtige eine gewisse Varianz von Annäherungsmöglichkeiten an Liechtenstein. Zu meiner Kindheit hieß es allenthalben nur, Liechtenstein sei ein „Briefmarkenland“ und in meiner infantilen Fantasie war das ein klitzekleines, kaum mehr als vorgartengroßes Gebiet, ganz und gar mit bunten Marken zugekleistert, beherrscht von einem riesigen zentralen Postamt – in Gestalt und Größe vergleichbar dem heutigen Postamt von Vaduz. Später, in der gymnasialen Quinta oder Quarta, proklamierte mein Lateinlehrer B. den berühmten Gedenktafel-Vers „Wanderer, kommst du nach Liechtenstein…“(*), der sich spartanischemeilentief in mein Gedächtnis grub und manchem braven Liechtensteiner vermutlich ebenso weit zum Hals heraushängt. Jedenfalls wollte ich Liechtenstein seitdem unbedingt einmal per pedes bereisen. Erstmals fysisch genähert habe ich mich dem Fürstentum dann allerdings mit der Bahn über eine eigentlich ansehnliche Schweizer Landschaft, die sich jedoch nicht entblödet mit riesigen Heidiland-Lettern für sich zu werben. Von Sargans aus ging es mit dem Auto weiter. Ich war erstaunt wie problemlos das Vordringen auf fürstliches Hoheitsgebiet vonstatten ging – keine schwerbewaffnete Grenzkontrolle, nicht mal Kofferträger, garnichts. Schwupps, ging es über die Brücke: „Das dort isch dein Rhein“, hochdeutschte mein Chauffeur gerade noch so eben, da hatten wir denselben bereits überquert: „Jetzt sind wir in Liechtenstein!“ So schnell und spektakulär können Träume in Erfüllung gehen. Vor uns ragte, glomm und dräute eine mit Fotoshop bearbeitete Bergkulisse aus den alten Liedern, in denen alles gut ist und sowieso seine Richtigkeit hat. Dort oben, stellte ich mir vor, würde in höhlenartigen Druckereien, als Alphütten getarnt, das ganze Geld hergestellt und gebunkert, für das Liechtenstein mittlerweile so berühmt ist. In der Dämmerung brächten Schwertransporter täglich einige Säcke hinab ins Tal. Ein Zehntel dem Fürst, der Rest würde nach altehrwürdigen Schlüsseln unterm Volk aufgeteilt. Alle profitierten: zuerst die Notare, Wachdienste, Industriebosse und Banker, dann der Plebs, ganz am Schluß sogar der lokale Dichter. Und drunt im Tal schien niemand Angst um sein Geld zu haben, nicht einmal der Dichter – äußerst bemerkenswert. Bald begriff ich, daß in Liechtenstein selbst die Lebensmittelpreise astronomische Höhen erreichen, nur damit ein minimaler Bruchteil des ganzen schönen Geldes überhaupt verkehrt und Nutzungsspuren sammelt. Ein interessantes Wirtschaftssystem. Doch habe ich nicht vor, von profanen Dingen zu berichten. Mich interessierte in Liechtenstein nämlich, weiter oben im Text hat sichs bereits leise abgezeichnet, vor allem der Rhein, der ja aus vorantikem Göttergeschlecht stammt. Mit ihm, der in Köln als jecke Vaterfigur bekannt ist, wollte ich hier in seiner Eigenschaft als jugendlich-alpiner Draufgänger meditative Zwiesprache halten und nach Möglichkeit herausfinden wie seine hiesigen Jünger über ihn dächten. Ich fand ihn eingezwingert, gerichtet und psychologisch zum ewigen Fluchtpunkt degradiert. Neben ihm her schossen hübsche Gießen. Jünger hatte er sonst kaum welche. Ich wandelte auf dem Damm, befuhr ihn mit dem Fahrrad. Immer hin und her. Durch die Zeiten, durch die Wetter. Der Fluß hatte mir nicht viel zu sagen. Hier und dort warf er eine Kiesbank auf, wusch symbolisch Unmengen Schotter. Eilte ansonsten schnell davon, wie einer, dem etwas unangenehm ist, entwand sich ansatzlos meinen Fragen. Also suchte ich nicht allzu flußferne Kurzweil und verfolgte zu diesem Zweck im schmucken Rheinstadion mit seinen formschönen Sitzschalen aus Hartplastik ein Match des grandiosen FC Vaduz. Gegen eine allerdings noch grandiosere Mannschaft aus Zürich. Höher als das Resultat fielen nur die Eintrittspreise aus. „Außer Vaduz isch alles Scheißi“, sangen die einheimischen Fans und betonten Vaduz auf der ersten Silbe. In den Lücken und oberhalb der freistehenden Tribünen öffnete sich ein erhebender Panoramablick auf die mächtigen Berge nächst der liechtensteinischen Metropole. An den Fels geduckt hockte das klobige Fürstenschloß wie eine böse Kröte, die jede Bewegung im Tal registriert. Seit Tagen war der Himmel immer tiefer zwischen die Hänge gesackt, aus denen Dunst stäubte, und hatte bedrohliche Färbung angenommen. Grauer Niesel sickerte auf den Stadionrasen, und, als das Match beendet war, auch auf glitschige Straßen, zwischen verregneten Banken und Stiftungen bimmelten apokalyptische Glocken (der Niederlage wegen?), vereinzelt schlichen Untertanen durch die bei Kaiserwetter durchaus ja postkartentaugliche Gegend und ließen die Schultern hängen. Häufiger als auf Menschen traf ich auf renitent im Freien weidende Kühe, deren Augen nichts als Wahnsinn, Trauer und Einsamkeit verhießen. Es war dieser Tag, der mich dazu verleitete, Liechtenstein – poetisch komplex – mit einem liegengebliebenen Cabrio zu vergleichen, das trotz oder wegen seiner modernen Elektronik dem Insassen volle Fahrt vorgaukelt und es war derselbe Tag, an dem ich mir – poetisch sicherlich griffiger – selber zuraunte: wenn ein Traum Wirklichkeit wird, heißt das noch lange nicht, daß man deswegen das Regenzeug zu Hause lassen sollte.

(*) …tritt nicht daneben, tritt mitten rein.


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