Eingeeifelt

Ausgerechnet im übernacht tief verschneiten Schwarzwald stoße ich auf Clara Viebigs Eifelroman „Das Kreuz im Venn“ – wieder verschieben und mengen sich Raum und Zeit, in diesem Fall zwei rheinische Mittelgebirge, die Eifel um 1900 und der Schwarzwald um 2000 nach Christus, welcher in beiden Gegenden bis heute reichhaltige und in ihren äußeren Anwendungen bisweilen bizarre Verehrung erfährt. Eine willkürlich aufgeschlagene Stelle bringt den angemessen zartwilden, je nach Jahreszeit euforisierten bis düsteren Unterton, den Viebig der rauhen Vennlandschaft in ihren Beschreibungen aufprägt, zum Klingen: „Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: hu, war das kalt! Nun fühlte er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam`s angeflattert mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die Moorhühner, sie strichen ihm um den Kopf, trübselig und graufarben wie Venngedanken. Er sprang auf. Die Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Hier war zuviel Raum, zuviel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut nicht. (…) Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke aus armesdickem Astwerk ihn nicht abhalten konnte. Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten. Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten, aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war es dunkel. Rastlos schritt er auf und nieder. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten, eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, riß sie auf. Aber ein Zugwind klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen, Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn überdauern?“ Letzteres im Mittelgebirge stets eine hochberechtigte Frage. Der Neuschnee auf dem Dachschrägenfenster versperrt mir heut Morgen die Aussicht auf Hüfingen und Baar. Viebigs Romanhelden sind Kleineleute, ganz in der Tradition Emile Zolas, sie widmet sich deren Schicksal und bäuerlich-christlichen Traditionen in extensiven Beobachtungen, die Echternacher Springprozession wird in lähmender Ausführlichkeit beschrieben, harte Bauernarbeit, strafgefangene Torfstecher, Tyfus-Einbruch und nächtliche Hofbelagerungen bestimmen nebst Kirchgang und Frühschoppen Linienführung, Farben, Rhythmus ihrer Beschreibungen, denen allenthalben das Prädikat „naturalistisch“ verpaßt wird. Und während ich dieser Tage langsam, doch geduldig durch weich gekrümmte Schneefelder stapfe, lappt literarische Eifelei in mein Schwarzwälder sein, Bedrückung und Weite, Bedrückung durch Weite und Weite durch Entrückung, und um die Mischung vollkommen zu machen, geht der Ruf nach Obstler, und ganz gewiß, er wird erhört werden, darauf läuft es am Ende doch stets hinaus.

Clara Viebig: Das Kreuz im Venn, Moewig, Rastatt (ohne Jahresangabe)


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