Gorrh

Gorrh beherrschte von Anfang an einige der spektakulärsten Drehmanöver dieser Sorte, die optisch nur modellhaft nachweisbar ist (viele beschrieben Gorrh ausschließlich über sein Verhältnis zum Spin) (darunter Schwuttke, Strondtner und Span, die wirklich Großen). Selbstredend stellt sicher immer die Frage: wo beginnen beim Thema Gorrh. Er war keinesfalls ein Pressegerücht. Auch wenn er sich selbst als Gerücht vorausging. Gorrhs Geburt lag zwischen den Tagen, eine klassische Schnittstellengeburt. So sah er dann ja auch aus: ein bißchen determiniert, ein bißchen zufallsgeneriert, halb Staatsbürger des virtuellen Raums, halb Deutscher. Ein Großbehältnis für Bedeutung. Er war mit anderen Worten: er war plötzlich da, umhüllt vom Waber des Gerüchts seiner selbst, er war da und wirkte zusammengekleistert und mit der Zeit trat er aus den Impulsen hervor, ließe sich sagen. Es ist jetzt an der Zeit neue Worte zu finden, Gorrh hat uns gezeigt, was möglich ist, d.h. Löcher in uns hinterlassen durch die wir nun schlüpfen können, um dem Sog zu entsprechen, der in ihnen wirkt. Wir alle erinnern uns noch an die Szenen, die aus heutiger Sicht wie alte Schauergeschichten anmuten, wobei gestern bereits morgen war: mit riesigen Schritten durchschreitet Gorrh das Rheintal, auf seinem großen Auge blind, blind für die Schönheit des Vergänglichen und Werdenden. Gorrh stapft über die grauen Uferkiesel, knirschknirsch geht die Musik, im Strom walzende Frachter, Gorrh hört sie nicht, die glanzlosen Farben der zu Mosaiken gestapelten Container, Indiz für anhaltenden Warenverkehr, ignoriert von Gorrh, der durch die Weinberge joggt, kein Blick für die Reben, nur Schatten vorm Gesicht, das alles auf sehr wenigen Bildern dokumentiert, doch schließlich: das berühmte Youtube-Video, wie Gorrh in perfektionierter und bis dorthinaus stilisierter Einsamkeit den Seitenstreifen der A3 entlangschnurt, ab trimmo durch die Mitte, als sei er das letzte Wesen auf einer verlassenen Welt, während ihn im Zentimeterabstand zig Autos aus heimischer Produktion passieren, ein Bild des Wahnsinns: Gorrh als junger autistischer Held mit ungewissem Auftrag, schwer bewaffnet, getrieben schön auf seine Art, radikal und ideenlos bis auf sein Sturgeradeaus, während die Insassen der Fahrzeuge auf Gorrh deuten, als sei er eine Erscheinung, die den Weg aus dem Tunnel des Alltags weist.


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