Stupor Mundi

Weils eine typische Seite der rheinischen Mentalität von außen beleuchtet, und weil sie an dieser Stelle exemplarisch für die deutsche im Jahre 1933 hergenommen wird, nicht zuletzt weil diese Passage ganz allgemein das Staunen der Welt besonders gelungen widergibt, zitiere ich nochmal aus dem Fermor (siehe Eintrag vom vergangenen Freitag): „In einer jener dem Untergang geweihten rheinischen Städte, ich weiß nicht mehr in welcher, konnte ich einen kurzen Augenblick lang sehen, wie unvermittelt der Wechsel für viele Deutsche gekommen war. In einer Arbeiterkneipe freundete ich mich spätabends mit einigen Fabrikarbeitern an, die gerade von der Spätschicht kamen. Sie waren ungefähr in meinem Alter, und einer von ihnen, ein fröhlicher, übermütiger Bursche, bot mir an, ich könne bei ihm auf dem Feldbett seines Bruders übernachten. Als wir die steile Treppe zu seiner Dachkammer erklommen hatten, stellte sich heraus, daß sein Zimmer ein Hitlerschrein war. Die Wände waren über und über mit Flaggen, Fotografien, Plakaten, Parolen und Abzeichen bedeckt. Seine SA-Uniform hing fein säuberlich auf einem Kleiderbügel. Er präsentierte diese Kultgegenstände mit glühendem Eifer und zeigte mir zum krönenden Abschluß das Glanzstück seiner Sammlung. Es war eine Automatikpistole, eine Luger Parabellum, wenn ich mich recht entsinne, sorgsam geölt und in wasserdichtes Tuch eingeschlagen, zusammen mit einem Stapel grüner Pappschachteln mit Munition. Er nahm die Pistole auseinander, setzte sie wieder zusammen, lud das Magazin, ließ es mit Schwung einrasten und entfernte es wieder, legte einen Gürtel mit Brustriemen und Halfter an, ließ die Pistole geschickt hinein- und wieder hinausgleiten wie ein Cowboy, schleuderte sie in die Luft und fing sie wieder auf, ließ sie um den Finger kreisen, tanzte mit einem zugekniffenen Auge durch das Zimmer, als nehme er ein unsichtbares Ziel ins Visier, und tat mit lautem Zungenschnalzen, als drücke er ab… Als ich fragte, ob ihm mit all den Sachen in seinem Zimmer nicht beklommen zumute sei, lachte er, setzte sich auf die Bettkante und sagte: „Mensch! Du hättest es letztes Jahr sehen sollen! Du hättest dich krankgelacht! Da war hier alles voll mit roten Fahnen und Sternen, überall Hammer und Sichel, Bilder von Lenin und Stalin, Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Damals habe ich zugeschlagen, wenn einer das Horst-Wessel-Lied sang! Für mich gab es nur die Rote Fahne und die Internationale! Ich war nicht bloß ein Sozi, ich war Kommunist, ein waschechter Bolschewik!“ Er hob die Faust zum Gruß. „Du hättest mich sehen sollen! Straßenkämpfe! Wir haben die Nazis nach Strich und Faden versohlt, und sie uns. Wir haben uns totgelacht. Aber als Hitler dann an die Macht kam, ist mir mit einem Mal klargeworden, daß das alles Unsinn war, nichts als Lügen. Ich begriff, daß Adolf mein Mann war. Einfach so, aus heiterem Himmel!“ Er schnippte mit den Fingern. „Und hier bin ich also!“ Was aus seinen alten Frenden geworden sei, wollte ich wissen. „Die sind auch alle rübergewechselt! – die ganzen Jungs aus der Kneipe. Alle ohne Ausnahme. Die sind jetzt alle in der SA.“ Ob sich denn auch viele andere so verhalten hätten? Viele? Er riß die Augen auf: „Millionen! Ich kann dir sagen, ich habe gestaunt, wie schnell die alle die Seite gewechselt haben!““


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