Liechtensteiner Kiesel

Heute erreichte mich aus dem fernen Liechtenstein etwas sehr schönes vom dortigen Rhein, samt Panoramafoto von der Fundstelle: ein flacher Kiesel in zurückhaltendem Grau, steinernes Unendlichkeitszeichen, beidseitig figurativ ausgewaschen, als wäre das Fundstück selbst über Jahre strudelbildend und im Gegenzug vom Strudel per zwiefach autistischem Akt aufs Wesentliche zurechtgeschliffen: der Christ würde sagen, der Kiesel zeige einerseits die wundersam schwangere Madonna, andererseits die heilige Mutter gesichtslos vergehend im Hintergrund und vorne das runde Erlöserkind, der Buddhist fände Buddhas feistes Abdomen in Nanagestalt, der Hinduist sein in die Quadratur des Kreises gesetztes Mantra, der Mystiker sähe konzentrisch überblendete Wasseraugen voll wissender Blicke – wie auch immer, der Liechtensteiner Kiesel transponiert das formlos Göttliche in eine gebündelte fysische Aussage, ein devot anmutendes Objekt, das prima in die Faust paßt und dabei grenzenlose Friedfertigkeit ausstrahlt, eine Welle aus Stein, mit schwungvollen flußgemachten Kerben gegürtet, befreit aus ihrem engen Tal, Altarstück und Laotse-Kapuze, ein Mahnmal, Schichten zu überwinden und die Waffen zu senken, und was nichts sonst noch alles: ein Pars pro toto-Planet, manifest zwischen dem was kommen wird und all den unnützen Gedanken darum. Bis jetzt habe ich im Rheinland während zahlreicher Strandwanderungen einen vergleichbaren Kiesel noch nicht entdecken können. Der Gestaltungswille des hohen Rheins scheint urtümlicher, nicht umsonst auch klingen die Sprachen der Alpenregion nach über Fels springendem Wasser; dieser Kiesel steht in einer Tradition jener fein gearbeiteten, auf die einfachsten Dinge rekurrierenden Wunder, die sich freiwillig auf Grautöne beschränken, um sich der modernen Schnelllebigkeit, dem Diktum des Um jeden Preis auf den ersten Blick-Gefallenmüssens zu entziehen, die ihr leises Rauschen unter Verschluß halten, bis ein fallengelassener Blick ihre Absichten kreuzt, dann beginnen sie zu strömen, das haben sie in der Alpenrheinrinne von der Pike auf gelernt.


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