Monatsarchiv für Februar 2009

 
 

Schwarzwald

Bollenhüte, Alpirsbäche, Fotodokus strammer Tannen
im Korsett. Beim Heideggern geht schnell ein Selbst
im Wald von dannen. Am Brunnen tankt die Jugend
bleifrei und gibt Fett. Es gibt den Ausblick und das

Bauernfrühstück. Zum Schinken paßt ganz gut Topi-
nambur. Am Wochenende trägts die Biker majestätisch
aus den Kurven, trotz positiven Bio-Feedbacks von der
Kuckucksuhr sieht man den Dorfdepp greinend aus`m

Kuhstall schlurfen. Das Glück liegt nackt auf Onkels
altem Speicher, Grasschwaden ziehen süß durchs Heu
Wie Jahreszahlen über schmucke Holzfassaden. Die

echten Schwarzwaldmädels ham sich langsam selber
satt. Naja, wie heutzutage überall: Nur halb so schade
Weh dem, der jetzt noch keine eigene Website hat

der himmel ueber huefingen

stromstoesze gehn ueber die felder, es knistert
da & dort menschen, schneeverweht. kaelte
waechst wie lauch aus haelsen, nasen, ohren

flueszchen am rain, siechen, seichen. spaet-
gezuendete silvesterkracher. riedhexen fegen
letzte zweifel aus dem fleisch, ueberm portal

der kreissparkasse prangt n blutiger reiszzahn
herzensangelegenheiten sind immer auch
geldangelegenheiten. absolute groszartigkeit

des erfrierens, verrechnet mit zins & zinses-
zins des verfettens. gott schickt schneeregen
das abspielgeraet im kopf springt auf pause

Wanderer, kommst du nach Liechtenstein…

Es existiert, zumindest im geistigen Sinne, für Auswärtige eine gewisse Varianz von Annäherungsmöglichkeiten an Liechtenstein. Zu meiner Kindheit hieß es allenthalben nur, Liechtenstein sei ein „Briefmarkenland“ und in meiner infantilen Fantasie war das ein klitzekleines, kaum mehr als vorgartengroßes Gebiet, ganz und gar mit bunten Marken zugekleistert, beherrscht von einem riesigen zentralen Postamt – in Gestalt und Größe vergleichbar dem heutigen Postamt von Vaduz. Später, in der gymnasialen Quinta oder Quarta, proklamierte mein Lateinlehrer B. den berühmten Gedenktafel-Vers „Wanderer, kommst du nach Liechtenstein…“(*), der sich spartanischemeilentief in mein Gedächtnis grub und manchem braven Liechtensteiner vermutlich ebenso weit zum Hals heraushängt. Jedenfalls wollte ich Liechtenstein seitdem unbedingt einmal per pedes bereisen. Erstmals fysisch genähert habe ich mich dem Fürstentum dann allerdings mit der Bahn über eine eigentlich ansehnliche Schweizer Landschaft, die sich jedoch nicht entblödet mit riesigen Heidiland-Lettern für sich zu werben. Von Sargans aus ging es mit dem Auto weiter. Ich war erstaunt wie problemlos das Vordringen auf fürstliches Hoheitsgebiet vonstatten ging – keine schwerbewaffnete Grenzkontrolle, nicht mal Kofferträger, garnichts. Schwupps, ging es über die Brücke: „Das dort isch dein Rhein“, hochdeutschte mein Chauffeur gerade noch so eben, da hatten wir denselben bereits überquert: „Jetzt sind wir in Liechtenstein!“ So schnell und spektakulär können Träume in Erfüllung gehen. Vor uns ragte, glomm und dräute eine mit Fotoshop bearbeitete Bergkulisse aus den alten Liedern, in denen alles gut ist und sowieso seine Richtigkeit hat. Dort oben, stellte ich mir vor, würde in höhlenartigen Druckereien, als Alphütten getarnt, das ganze Geld hergestellt und gebunkert, für das Liechtenstein mittlerweile so berühmt ist. In der Dämmerung brächten Schwertransporter täglich einige Säcke hinab ins Tal. Ein Zehntel dem Fürst, der Rest würde nach altehrwürdigen Schlüsseln unterm Volk aufgeteilt. Alle profitierten: zuerst die Notare, Wachdienste, Industriebosse und Banker, dann der Plebs, ganz am Schluß sogar der lokale Dichter. Und drunt im Tal schien niemand Angst um sein Geld zu haben, nicht einmal der Dichter – äußerst bemerkenswert. Bald begriff ich, daß in Liechtenstein selbst die Lebensmittelpreise astronomische Höhen erreichen, nur damit ein minimaler Bruchteil des ganzen schönen Geldes überhaupt verkehrt und Nutzungsspuren sammelt. Ein interessantes Wirtschaftssystem. Doch habe ich nicht vor, von profanen Dingen zu berichten. Mich interessierte in Liechtenstein nämlich, weiter oben im Text hat sichs bereits leise abgezeichnet, vor allem der Rhein, der ja aus vorantikem Göttergeschlecht stammt. Mit ihm, der in Köln als jecke Vaterfigur bekannt ist, wollte ich hier in seiner Eigenschaft als jugendlich-alpiner Draufgänger meditative Zwiesprache halten und nach Möglichkeit herausfinden wie seine hiesigen Jünger über ihn dächten. Ich fand ihn eingezwingert, gerichtet und psychologisch zum ewigen Fluchtpunkt degradiert. Neben ihm her schossen hübsche Gießen. Jünger hatte er sonst kaum welche. Ich wandelte auf dem Damm, befuhr ihn mit dem Fahrrad. Immer hin und her. Durch die Zeiten, durch die Wetter. Der Fluß hatte mir nicht viel zu sagen. Hier und dort warf er eine Kiesbank auf, wusch symbolisch Unmengen Schotter. Eilte ansonsten schnell davon, wie einer, dem etwas unangenehm ist, entwand sich ansatzlos meinen Fragen. Also suchte ich nicht allzu flußferne Kurzweil und verfolgte zu diesem Zweck im schmucken Rheinstadion mit seinen formschönen Sitzschalen aus Hartplastik ein Match des grandiosen FC Vaduz. Gegen eine allerdings noch grandiosere Mannschaft aus Zürich. Höher als das Resultat fielen nur die Eintrittspreise aus. „Außer Vaduz isch alles Scheißi“, sangen die einheimischen Fans und betonten Vaduz auf der ersten Silbe. In den Lücken und oberhalb der freistehenden Tribünen öffnete sich ein erhebender Panoramablick auf die mächtigen Berge nächst der liechtensteinischen Metropole. An den Fels geduckt hockte das klobige Fürstenschloß wie eine böse Kröte, die jede Bewegung im Tal registriert. Seit Tagen war der Himmel immer tiefer zwischen die Hänge gesackt, aus denen Dunst stäubte, und hatte bedrohliche Färbung angenommen. Grauer Niesel sickerte auf den Stadionrasen, und, als das Match beendet war, auch auf glitschige Straßen, zwischen verregneten Banken und Stiftungen bimmelten apokalyptische Glocken (der Niederlage wegen?), vereinzelt schlichen Untertanen durch die bei Kaiserwetter durchaus ja postkartentaugliche Gegend und ließen die Schultern hängen. Häufiger als auf Menschen traf ich auf renitent im Freien weidende Kühe, deren Augen nichts als Wahnsinn, Trauer und Einsamkeit verhießen. Es war dieser Tag, der mich dazu verleitete, Liechtenstein – poetisch komplex – mit einem liegengebliebenen Cabrio zu vergleichen, das trotz oder wegen seiner modernen Elektronik dem Insassen volle Fahrt vorgaukelt und es war derselbe Tag, an dem ich mir – poetisch sicherlich griffiger – selber zuraunte: wenn ein Traum Wirklichkeit wird, heißt das noch lange nicht, daß man deswegen das Regenzeug zu Hause lassen sollte.

(*) …tritt nicht daneben, tritt mitten rein.

Eingeeifelt

Ausgerechnet im übernacht tief verschneiten Schwarzwald stoße ich auf Clara Viebigs Eifelroman „Das Kreuz im Venn“ – wieder verschieben und mengen sich Raum und Zeit, in diesem Fall zwei rheinische Mittelgebirge, die Eifel um 1900 und der Schwarzwald um 2000 nach Christus, welcher in beiden Gegenden bis heute reichhaltige und in ihren äußeren Anwendungen bisweilen bizarre Verehrung erfährt. Eine willkürlich aufgeschlagene Stelle bringt den angemessen zartwilden, je nach Jahreszeit euforisierten bis düsteren Unterton, den Viebig der rauhen Vennlandschaft in ihren Beschreibungen aufprägt, zum Klingen: „Ein plötzliches Frösteln überfiel ihn: hu, war das kalt! Nun fühlte er, daß er ganz erstarrt war, Hände und Füße waren wie abgestorben; der Vennatem hatte ihn durchhaucht. Durch die graue Luft kam`s angeflattert mit klatschendem Flügelschlag und klagendem Ruf. Das waren die Moorhühner, sie strichen ihm um den Kopf, trübselig und graufarben wie Venngedanken. Er sprang auf. Die Heide hatte abgeblüht, dahin war der Schimmer. Fort, nur fort, daß er aus der endlosen Weite fortkam zu begrenzterem Raum! Hier war zuviel Raum, zuviel Endlosigkeit. Er ertrug sie heut nicht. (…) Der Wind, der den Tag über geweht hatte, war zum Sturm geworden. Mit einer Gewalt schnob er von Westen her, daß selbst die Hecke aus armesdickem Astwerk ihn nicht abhalten konnte. Das Haus erzitterte, die Türen sprangen auf, im Schlot erhob sich ein Winseln und Heulen. Die Tannen ächzten. Der Einsame stand am Fenster und versuchte, den Himmel zu beobachten, aber die ragende Hecke schnitt ihm jeden Ausblick ab. Im Zimmer war es dunkel. Rastlos schritt er auf und nieder. Eine dumpfe Traurigkeit schien über diesem Erdwinkel zu lasten, eine plötzliche Trostlosigkeit machte seine Seele erschauern; wie gejagt, wie vor sich selber fliehend, stürzte er zur Tür, riß sie auf. Aber ein Zugwind klatschte sie wieder zu. Er saß drinnen wie gefangen. Es fing an zu regnen. Er hörte die gepeitschten Tropfen hart gegen die dürre Hecke rasseln. Da war nun auch bald das letzte Blatt heruntergeschlagen, Sommer und Herbst waren hin, der Winter war da – wie würde er ihn überdauern?“ Letzteres im Mittelgebirge stets eine hochberechtigte Frage. Der Neuschnee auf dem Dachschrägenfenster versperrt mir heut Morgen die Aussicht auf Hüfingen und Baar. Viebigs Romanhelden sind Kleineleute, ganz in der Tradition Emile Zolas, sie widmet sich deren Schicksal und bäuerlich-christlichen Traditionen in extensiven Beobachtungen, die Echternacher Springprozession wird in lähmender Ausführlichkeit beschrieben, harte Bauernarbeit, strafgefangene Torfstecher, Tyfus-Einbruch und nächtliche Hofbelagerungen bestimmen nebst Kirchgang und Frühschoppen Linienführung, Farben, Rhythmus ihrer Beschreibungen, denen allenthalben das Prädikat „naturalistisch“ verpaßt wird. Und während ich dieser Tage langsam, doch geduldig durch weich gekrümmte Schneefelder stapfe, lappt literarische Eifelei in mein Schwarzwälder sein, Bedrückung und Weite, Bedrückung durch Weite und Weite durch Entrückung, und um die Mischung vollkommen zu machen, geht der Ruf nach Obstler, und ganz gewiß, er wird erhört werden, darauf läuft es am Ende doch stets hinaus.

Clara Viebig: Das Kreuz im Venn, Moewig, Rastatt (ohne Jahresangabe)

An der jungen Donau

Weiter gehts aufm Hometrainer durchn Südschwarzwald. Vor Donaueschingen verkünden provinztypische Affichen (fette schwarze Majuskeln auf signalgelbem Grund) die angesagteste Abendunterhaltung: Schmutziger Dunschtig – Men Strip im Okay. Donauquelle, Donaubachtempel, Donauzusammenfluß: in Donaueschingen alles auf wenigen Metern zu haben. Leben und Natur sind gut ausgeschildert, alle Sehenswürdigkeiten mit dem Trimmrad bestens erreichbar, eine Kleingartenanlage samt Vesperstube „Zur Gießkanne“ (gutbürgerlich) öffnet das stille weite Haberfeld, schneeweiße Reiher üben sich, von den abgedrehten Computersounds der Gangschaltung aufgeschreckt, zerflattert und in einiger Entfernung notgelandet, in reglos-pinguinisch-geduckten Haltungen, nur ihre roten Schnäbel verraten sie in den stufenlos dehnbaren Schneefeldern, zack, draufgezoomt und abgedrückt, Beweisfotos! Gluckernde Bächlein am Wegrand, an einem Bilderstock vor Pfohren (dem ersten Dorf an der jungen, schon leicht breitschultrigen Donau) hängt der Nazarener mit pfeildurchbohrtem Schädel („`s kommt ihm zu der Ohre naus“), Zeige- und Mittelfinger der genagelten Hände überlängt zum Victoryzeichen angesetzt, den cremefarbnen Corpus mit Flecken übersät, die auf Echtblut deuten. Da tun die umgebenden Temperaturen nichts weiter zur Sache, schön stirbt sichs im Schnee, für einen Sekundbruchteil erfüllt gleißendes Licht den Raum. Doch weiter, weiter! Der Pfohrener Gasthof Metzgerei Ochsen: Geburtshaus der Revolutionäre Andreas Willmann und Joseph Weißhaar von 1848, ersterer wurde, ganz revolutionärstypisch, später Bankier. Pfohren mit seiner Entenburg ist Stammsitz des Schnufers, einer geisterartigen Schleiereule, die, eskortiert von Riedhexen und von Fahnen herab in die bewimpelten Straßen weht, die sie am Fasnets-Mändig im Plunderhäs fegt. Die einzig geöffnete Gaststätte serviert Kutteln mit Brot, ich justiere die Zielvorrichtung des Hometrainers auf Neudingen, „Vorsicht Narrentreiben!“ warnt das Display, unter heftigem Rütteln gehts über vereiste Feldwege, vorbei an bis auf einbeinig rumstehende Störche und geborstne Tore verwaiste Fußballplätze, in Neudingen dorfzentral steht der Misthaufen, eingekreist von altehrwürdigen, festungsartigen Gasthöfen, über deren Türen Riedhexen wachen, ansonsten fest verschlossen, die angeschlagenen Öffnungszeiten sprechen von unerreichbaren Zukünften und Vergangenheiten, verbildete Gestalten knirschen über die Gehwege, kruschpeln Grußformeln von „Schlägereie“ und „zsammegschlupfte Brüscht“, am Dorfrand fließt die anthrazitfarbne Donau, der Hometrainer piepst: Dioramarunde over, Neustart wählen oder Luft schnappen, am besten draußen vor der Tür.

Der Schnufer

Auf einem Fitnesstrainer durchs Donauursprungsgebiet, schneegedeckte Hügelwellen, in deren flachen Amplituden die Sonne ihre wahnsinnigsten Farben verfeuert, glutendes Abendblut, seltsame Stapfen im Schnee, zuordbar weder Mensch noch Tier, grelle Fasnetsverse gellen über kieferbestandne Rücken, alemannisch-alkoholisches Gurgeln und Röcheln, potent und pilsgeölt, schleiereulenartige Schnufer, mit Schaumkronen bedeckt, schwarwenzeln durch Kältebarrieren, minus 10, minus 20 Grad, pling, pling, gehen über in tänzelnde Strauße, Strauße mit raumgreifenden Schritten im glitzernden Schnee der Dämmerung, nah Sumpfohren, nah der verbeulten Sauschwänzlebahn, Schellenhansel läuten durch die Nacht, Kracherle kauend, und Kraut, eine Straußenfarm im Schwarzwälder Schnee, von seilartigen Hälsen lugende Minischädel, die weihevollen Afrikanismen der Laufvögel: ihre Neugier, die Federboafedern, storchisches Schnabelgeklapper (ham wohl`n paar heimische Dialektfetzen integriert), ihr graziler, wuchtiger Lauf, ihr Tanz, in der Dämmerung, ihr Hennengebaren, bald vergehn sie in der Nacht, Füchse singen lautlos im Schnee mit buschig aufgestellten Schweifen, alle Zeit schmilzt und gerinnt zu Frost, festgefrorne Dunkelmänner schunkeln die bösen Föhren auf ewig derselben Stelle, nur halt eben mal auf jenen, mal auf sellen Hügel versetzt, am Einstieg in diese Welt springt ein bereits kaputter Mensch von irgendeiner verfügbaren Brücke in den Tod, das gibt wieder Gerede, nicht weit nördlich versinkt die Donau im Karst, tritt nach unterirdischen Orientierungsproblemen teilweise und geblendet aus dem Aachtopf zutage, fließt von dort einfach Richtung Radolfzell, mischt sich im Bodensee dem Rhein, spritzt ihm ein paar erste hochprozentige Tropfen Schwarzwaldgeist ins Gemüt, der Stoff, aus dem die Sagen sind, falls der alte Zeitgeist welchen rausrückt, die Uhr ist abgelaufen, der Computer gibt ein paar Erklärungen, Leistung, Effizienz und Pulskurve, von Sinn und Seele und solchen Sachen hat er keine Ahnung, ferne ruft der Schnufer, vielleicht ruft er auch nicht, vielleicht schnuft oder girrt er nur, vielleicht beginnt der Fasnetsfreitag einfach leicht neben der Spur.

Die Brücke von Remagen

„March 1945 – The Obercassel Bridge. In the final months of World War II, the armies of the Third Reich are in full retreat across the great moat that guards the heart of Germany – the river Rhine.“ Mit dieser kurzen poetischen Einführung beginnt der Hollywood-Film „The Bridge at Remagen“, gedreht in den übernatürlichen Farben der 60er, und mit ein paar großzügigen Schwenks auf das weltkulturerbeträchtige Mittelrheinpanorama: zu Elmer Bernsteins bolero-inspirierten Orchesterklängen dringen amerikanische Panzereinheiten wie am Schnürchen durchs schmale Tal, schleppen sich deutsche Flüchtlinge desorganisiert und mit letzter Kraft Richtung einzig verbliebener Planke über den Fluß. So schön ist diese Kulisse, daß sie ohne es zu wollen auf die Schauspieler abstrahlt, selbst noch wenn all das mittelalterliche Fachwerk („Bis Abend seid ihr in Meckenheim!“) von Panzergeschützen getroffen in sich zusammenfällt, ganze Straßenzüge in Staub aufgehen und der Film im Folgenden vornehmlich vom Kampfgeballer um die Ludendorff-Brücke geprägt wird. Was haben wir da nur für einen Landstrich!, bin ich geneigt auszurufen (Luftaufnahmen in Technicolor!), doch in diesem Fall ist weder der Rhein, noch die ihn ehmals überspannende Brücke kongruent mit sich selbst – denn gedreht wurden die Szenen in Davle an der Moldau in der ehemaligen CSSR. Die echte Brücke fiel 1945, wenige Tage nach ihrer legendären Eroberung, vor Überlastung zusammen und wurde nicht wieder neu errichtet. Ihre Türme ragen allerdings bis heute links und rechts des Rheins aus dem Erdreich und wirken, je nach Wetterlage, recht martialisch: wie abgetrennte und verbrannte Beinstümpfe kam mir in den Sinn, als ich sie vor Jahren mit einem Ausflugsschiff passierte, dunkel jedenfalls, abschreckend und aufs Übelste schicksalbehaftet, als sei ein Gestein/Gebein aus dem Reich der Fabeln und Märchen versehentlich in die Realwelt gerutscht. Es zuckte im Fluß, als hätte sich auf dem Grund ein riesiger grauer Fisch geräkelt, das Urtier, das im Laufe der rheinischen Besiedlung schon soviele Soldatenleichen geaast und nurmehr aufs Touristenerschrecken spezialisiert subtile Vibrationen sendet, sobald an der Oberfläche klischeeisierte Gedanken flottieren. Ich machte rasch ein Foto. Und dachte an den schattenbärtigen Angel (gespielt von Ben Gazzara), der im Film gern gegnerische Leichen fleddert und im Laufe der Brückeneroberung in den Fluß fällt, aus dem er am Ende seltsam verwundet als allamerikanischer Glückspilz wieder auftaucht, das Strahlen des Rheingolds im Gesicht.

Flora

Wenn ich in Köln von meiner Wohnung zu Fuß Richtung Rhein schlendre, brauche ich, auf Schleichwegen und ein wenig querfeldein, bis ans Ufer eine knappe Stunde. Mein Viertel und die benachbarten, die ganz ähnlich heißen, muten traurig an, die Straßen sind wie zum Beleg für die allweil schwärende Stimmung nach niederrheinischen Ortschaften und Städtchen benannt. Vorbei geht’s an mal ranzigen, mal frisch und geschmacklos aufgestellten Reihenhaussiedlungen, gesichtslose Wohnschachteln für den Massenmenschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen. Seit zehn Jahren wohne ich selbst in solch einer Schachtel und nicht nur mein Äußeres, nein, mein ganzes einst so rebellisches Wesen hat sich in dieser Spanne schleichend den Vorgaben der Nachbarschaft angeglichen. Namenlos wandeln wir über die vollgeschissenen Gehsteige, manche von uns grüßen einander, andere halten das längst für überflüssig, meist erkennen wir uns nicht, weil wir eh in Belanglosigkeit aufgegangen sind. Unter feuchtkaltem Himmel bläht der Teig der Tage. Ich verschiebe meine Position, die frustriert mahnenden Wände wechseln von Block zu Block die Farbe oder blättern mit ihr rum. Hin und wieder eine Gestalt, die mittels Jogging versucht, dem persönlichen Verfall entgegenzuwirken, zu spät, zu spät, innen ist sie schon angefault, das Blut schießt in ihren angestrengten Kopf, es will hinaus in die Welt, von der es nichts weiß, die Gestalt produziert am laufenden Meter Bilder jener letzten Lächerlichkeit, die sich zum Kloß in unseren Hälsen auswächst, dort führt ein Geschichtsloser seine Kampfhunde aus, d.h., er läßt sie frei herumrennen, sieht ihnen im großen und ganzen sehr ähnlich, kontrolliert aber den eigenen Speichelfluß besser, dort ein Alter mit Zierhund, und da hinten zwei Schülerinnen mit Grauemausgesichtern, da hilft die billige Schminke auch nicht, im Gegenteil. Manche von den Alten hat man lang nicht mehr gesehen, wenn einer stirbt wird er ohne großes Aufhebens abtransportiert, ein junger neuer Nachmieter ist schnell gefunden, die Wohnschachteln recyceln ihre Inhalte selbsttätig, Individualität und schöne Wünsche spielen keine Rolle, ich schreite durch utopielose Landschaften, und erst die Flora, Kölns gepflegtester Park, deutlich jenseits der Kalkarer Straße, bricht dieses Bild mit gärtnerischer Opulenz – und dazu passend: benerzte Damen, botanisierende Pärchen, Halbwelt vor Kamelienblüte. Hier existiert einer der wenigen direkten Durchstiege in die Tropen, ein überdachter Dschungel schwitzt seine Luftfeuchtigkeit mitten in die Reihenhausseele, ringsum sprießen Stachelannone, Papaya, Vanille, Karambole, grellgelbe Kakaofrüchte leuchten durchs dichte Blattwerk, Hirschgeweihfarne tentakeln nach betongewohnten Schädeln, der Bambus rauscht und ächzt und knarzt, in den Pfützen lauern bösartige ausschleimende Welse mit nesselnden Tastschlingen, der plötzliche Ruf des Aras zerfetzt das Trommelfell, dort im Gebüsch springen zwei halbnackte Malaiinnen davon, sie sind mit giftigen Lanzen bewaffnet und tragen schicke Röckchen aus dem schlankmachenden Fächer der Loulo-Palme. Bromelien und Epifyten haben sich durch mein Ohr gefressen und geben meine verschlungenen, von Puderquastmimosen gedämpften Gedanken an die Außenwelt weiter, es ist ein sattes Grün und Rot, von Strelitzienpfeilen durchschossen, die Dreieckspalme markiert den Notausgang, raus hier, nur raus in ein anderes Grau, Geranien, das reicht doch, das ist doch genug, und ein Balkon aus Waschbeton, daran angebracht eine Satellitenschüssel mit direkter Verbindung ins Weltall, Google Maps, ein beruhigender Blick in landschaftliche Vergangenheit, dort fließt er, der Rhein, es gibt ihn noch, irgendwo da draußen, hinter anthropofagen Hausreihen mit strahlenden Geranien am Revers.

geburtstag am rhein

oh, angeohter rhein, in kies & muscheln
knirsch ich dein linkes ufer lang zu meinen
fueszen ziehst du dich tief zurueck in
deine innerste rinne bewacht von einem
nepomuk
schwappst du was schlapp in farben
die man besser nicht beschreibt ob
ihrer mischgetoenten haeszlichkeit
die bruecke zaubert sound wie steinschlag
& wie autobahn. die frachter kommen
walhaft angeschwommen, brummen
& sind schon vorbeigefahren. ein nasser
tag im februar, moewen machen spoekes
krumme manoever in der regenluft
die schnarrt & ruft mit elstern & mit kraehen
selbstportrait mit flusz & digicam: ich kann mein
haupthaar schraeg im wind rumflattern sehen
& wellen wie fixiert sie mitten in dem stroemen
sich mit ihrem auf & ab von selbst versoehnen
vers oehnen vers oehnen oehnen oehnen

Gorrh

Gorrh beherrschte von Anfang an einige der spektakulärsten Drehmanöver dieser Sorte, die optisch nur modellhaft nachweisbar ist (viele beschrieben Gorrh ausschließlich über sein Verhältnis zum Spin) (darunter Schwuttke, Strondtner und Span, die wirklich Großen). Selbstredend stellt sicher immer die Frage: wo beginnen beim Thema Gorrh. Er war keinesfalls ein Pressegerücht. Auch wenn er sich selbst als Gerücht vorausging. Gorrhs Geburt lag zwischen den Tagen, eine klassische Schnittstellengeburt. So sah er dann ja auch aus: ein bißchen determiniert, ein bißchen zufallsgeneriert, halb Staatsbürger des virtuellen Raums, halb Deutscher. Ein Großbehältnis für Bedeutung. Er war mit anderen Worten: er war plötzlich da, umhüllt vom Waber des Gerüchts seiner selbst, er war da und wirkte zusammengekleistert und mit der Zeit trat er aus den Impulsen hervor, ließe sich sagen. Es ist jetzt an der Zeit neue Worte zu finden, Gorrh hat uns gezeigt, was möglich ist, d.h. Löcher in uns hinterlassen durch die wir nun schlüpfen können, um dem Sog zu entsprechen, der in ihnen wirkt. Wir alle erinnern uns noch an die Szenen, die aus heutiger Sicht wie alte Schauergeschichten anmuten, wobei gestern bereits morgen war: mit riesigen Schritten durchschreitet Gorrh das Rheintal, auf seinem großen Auge blind, blind für die Schönheit des Vergänglichen und Werdenden. Gorrh stapft über die grauen Uferkiesel, knirschknirsch geht die Musik, im Strom walzende Frachter, Gorrh hört sie nicht, die glanzlosen Farben der zu Mosaiken gestapelten Container, Indiz für anhaltenden Warenverkehr, ignoriert von Gorrh, der durch die Weinberge joggt, kein Blick für die Reben, nur Schatten vorm Gesicht, das alles auf sehr wenigen Bildern dokumentiert, doch schließlich: das berühmte Youtube-Video, wie Gorrh in perfektionierter und bis dorthinaus stilisierter Einsamkeit den Seitenstreifen der A3 entlangschnurt, ab trimmo durch die Mitte, als sei er das letzte Wesen auf einer verlassenen Welt, während ihn im Zentimeterabstand zig Autos aus heimischer Produktion passieren, ein Bild des Wahnsinns: Gorrh als junger autistischer Held mit ungewissem Auftrag, schwer bewaffnet, getrieben schön auf seine Art, radikal und ideenlos bis auf sein Sturgeradeaus, während die Insassen der Fahrzeuge auf Gorrh deuten, als sei er eine Erscheinung, die den Weg aus dem Tunnel des Alltags weist.

Nepomuk

Der Kölner Nepomuk wirkt leicht versetzt unter der Mülheimer Brücke über der flußzugewandten Mauerbrüstung von St. Clemens und Liebfrauen, dem Dreh- und Angelpunkt der berühmten Mülheimer Gottestracht, die mannsgroße Statue aus Belgisch Granit hat etwas von einer Gallionsfigur, Einsamkeit umweht den heimatfernen Heiligen an steinerner Reling, man kommt nicht recht an ihn heran, er bleibt ganz bei sich, im Windzug der Rheinschneise, unter seinen Anti-Grafitti-Imprägnierschichten, seine Nase trennt alle Himmel, er starrt fotogen in die Ferne. Dieser hiesige Nepomuk ist kein Einzeltäter, sondern nur einer aus einer ganzen Reihe von Klonen, wie sie die katholische Kirche seit der Erfindung ihrer Heiligen bekanntermaßen mit voller Absicht und ohne bestimmbares Limit produziert. Vage meine ich mich zu erinnern, woanders am Rheinlauf durchaus und immer wieder auf weitere Nepomuks gestoßen zu sein, und sei es nur im Traum. Die Vorlage des kühlen Mülheimer Götzen, ein bärtiger Kerl namens Johann Nepomuk aus dem 14. Jahrhundert, ursprünglich Böhme mit angeblich deutschen Wurzeln, wurde, kurz zusammengefaßt, nachdem er sich in einem kircheninternen Konflikt gegen den Bischof auflehnte, nach den seinerzeit üblichen Folterungen von der Karlsbrücke in die Moldau gestürzt, was er zunächst nicht überlebte. Seine Katholiken sprachen ihn später dann heilig, setzten ihn sinnigerweise als Schutzpatron der Brücken ein und riefen seinen wohlklingenden Namen seitdem an bei jeglichen Wassergefahren. (Sie sollen das bis heute tun.) Die Bewohner der rechtsrheinischen Stadtteile heißen dem linksrheinischen Kölner auf klassisch-verniedlichend-ausgrenzende Weise Pimokken (Polen) und so steht der heilige Pomukke schließlich auch sprachbasiert auf der gebührenden Seite. Zu den herkömmlichen Wassergefahren gehörten natürlich die vorchristlichen Rheinbewohner wie Nixe und Nixen – hier liegt einiges Potential für wagnerianische Verfilmungen zur heimatlichen Sagenwelt offen (Nepomuk vs. Wellgunde, Woglinde und Flußhilde), wie überhaupt die Kolonialisierung der Rheinvölker durch die Römer und ihre Christianisierung durch Iren noch jener bombastischen Aufarbeitung in den modernen Medien harren, die ausländische bis außerirdische Monster (King Kong, Godzilla, Predator, Alien) so populär gemacht und das deutsche Urviech derzeit klar ins Abseits gestellt haben.

Rijnkade

Der Rhein gesehen parallel zum Rhein: Die Straße beginnt am Neuen Kai und am besten, Sie gehen rückwärts zur Nelson Mandela-Brücke, die vor hundert Jahren geschichtlich gesehen noch nicht existierte. Sie können die Daten überspringen. Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Zugverbindungen besser wurden. Denn die Stadt Arnhem liegt nicht an den Ufern des Rheins, hat sich aber seitdem dort niedergelassen. Erst als der Kurs des Rheins sich verschob, kam der parallele Rhein an die Ufer und war links und rechts zu sehen, sodaß der Fluß an Arnhems Stadtmauern von beiden Seiten die richtige auserwählt hat, um sie in Spiegelschrift zu befließen. Der Kurs wurde von Arnhem verschoben, der Rhein kam am Fluß zu liegen, genau an der Stelle, an der er sich aufteilt und weiterfließt. Seit Jahren schuftet dort eine Gruppe von Arbeitnehmern mit Schaufeln und Schubkarren. Der Fluß aber, anders als zum Beispiel in Nijmegen und Zutphen, spielt nur eine begrenzte Rolle bei der Entwicklung der Stadt. Sie ist vektoriell unentschlossen. Er ist häßlich. Ältere Bilder von Arnhem zeigen, daß der Kai und die angrenzenden Gebäude, im Vergleich mit den genannten Städten, wenig beeindrucken. Sie werden nun auf modern getrimmt. Der Mensch nimmt diese Vorgänge anders wahr. Ein großer Teil der Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erstellt. Dazwischen ein fahrender Imbiß mit Streifenjalousie und Kibbeling. Diese Architektur strahlt Trauer und wenig ursprünglichen Anreiz aus. Sie können in den zahlreichen Straßencafés sitzen und Blicke riskieren. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bietet der Rhein, parallel zum Rhein gesehen, gewöhnungsbedürftige Erscheinungsbilder. Die Tätigkeit der Vergangenheit ist vorbei. Sie erhält sich in kreisenden Erinnerungen an den Museumswänden mit elektronischer Vollautomatik. Heute ist Arnhem wichtiger Ausgangspunkt für eine Reise entlang des Rheins: tausende von Touristen werden in den modernen Hotelbooten versandfertig gemacht. Sie alle sehen sich ähnlich. Darüber hinaus die Partygänger und Tagestouristen. Es bleibt nicht viel zu sagen. Der Fluß ist nach wie vor. So sind die Menschen.

Wasseraugen

Wasseraugen, chemisch liiert. Zoomen auf
puschlige Wolkenränder, Heiteres, skulpturiert
zu einer Vorstellungswelt, die Sinn machen
die in sich blenden und aus sich strahlen soll
Da ist es doch völlig egal wie untertunnelt und
leitungsüberspannt die Welt ganz ungeheuren
Energieflüssen ausgesetzt unablässig brazzelt
und den ewig altbekannten Senf von sich gibt
Wimpern flattern und zucken von Stromstößen
bedroht der nervöse Uferbewuchs, der Bisam
rackert im Grasesschatten, von Flucht zu Flucht
geschmuggelter Pulsschlag, gebannte Sonnen
Tropfenspektren, zerschmetterte Amöben, die
immer mehr Amöben ergeben, in gespiegelten
Himmeln wirbelnde Höfe gekalkter Seelen bis
zu den Feldern voll Mohn und weiter reichte
der Regen, ab einem bestimmten Punkt sind
Eiseskälte und Hitzetod zwillingsgleich. Über
skoliotische Wallungen brettern Jetski-Amateure
geschluckt von strudelnden Pupillen, von Hand
geweiteten Wasseraugen, die in die tiefsten
Schwärzen führen, über kaum wahrnehmbare
Kämme, an geheime Nullpunkte, innerhalb
derer der Rhein noch originalgetreu rauscht

Liechtensteiner Kiesel

Heute erreichte mich aus dem fernen Liechtenstein etwas sehr schönes vom dortigen Rhein, samt Panoramafoto von der Fundstelle: ein flacher Kiesel in zurückhaltendem Grau, steinernes Unendlichkeitszeichen, beidseitig figurativ ausgewaschen, als wäre das Fundstück selbst über Jahre strudelbildend und im Gegenzug vom Strudel per zwiefach autistischem Akt aufs Wesentliche zurechtgeschliffen: der Christ würde sagen, der Kiesel zeige einerseits die wundersam schwangere Madonna, andererseits die heilige Mutter gesichtslos vergehend im Hintergrund und vorne das runde Erlöserkind, der Buddhist fände Buddhas feistes Abdomen in Nanagestalt, der Hinduist sein in die Quadratur des Kreises gesetztes Mantra, der Mystiker sähe konzentrisch überblendete Wasseraugen voll wissender Blicke – wie auch immer, der Liechtensteiner Kiesel transponiert das formlos Göttliche in eine gebündelte fysische Aussage, ein devot anmutendes Objekt, das prima in die Faust paßt und dabei grenzenlose Friedfertigkeit ausstrahlt, eine Welle aus Stein, mit schwungvollen flußgemachten Kerben gegürtet, befreit aus ihrem engen Tal, Altarstück und Laotse-Kapuze, ein Mahnmal, Schichten zu überwinden und die Waffen zu senken, und was nichts sonst noch alles: ein Pars pro toto-Planet, manifest zwischen dem was kommen wird und all den unnützen Gedanken darum. Bis jetzt habe ich im Rheinland während zahlreicher Strandwanderungen einen vergleichbaren Kiesel noch nicht entdecken können. Der Gestaltungswille des hohen Rheins scheint urtümlicher, nicht umsonst auch klingen die Sprachen der Alpenregion nach über Fels springendem Wasser; dieser Kiesel steht in einer Tradition jener fein gearbeiteten, auf die einfachsten Dinge rekurrierenden Wunder, die sich freiwillig auf Grautöne beschränken, um sich der modernen Schnelllebigkeit, dem Diktum des Um jeden Preis auf den ersten Blick-Gefallenmüssens zu entziehen, die ihr leises Rauschen unter Verschluß halten, bis ein fallengelassener Blick ihre Absichten kreuzt, dann beginnen sie zu strömen, das haben sie in der Alpenrheinrinne von der Pike auf gelernt.

Stupor Mundi

Weils eine typische Seite der rheinischen Mentalität von außen beleuchtet, und weil sie an dieser Stelle exemplarisch für die deutsche im Jahre 1933 hergenommen wird, nicht zuletzt weil diese Passage ganz allgemein das Staunen der Welt besonders gelungen widergibt, zitiere ich nochmal aus dem Fermor (siehe Eintrag vom vergangenen Freitag): „In einer jener dem Untergang geweihten rheinischen Städte, ich weiß nicht mehr in welcher, konnte ich einen kurzen Augenblick lang sehen, wie unvermittelt der Wechsel für viele Deutsche gekommen war. In einer Arbeiterkneipe freundete ich mich spätabends mit einigen Fabrikarbeitern an, die gerade von der Spätschicht kamen. Sie waren ungefähr in meinem Alter, und einer von ihnen, ein fröhlicher, übermütiger Bursche, bot mir an, ich könne bei ihm auf dem Feldbett seines Bruders übernachten. Als wir die steile Treppe zu seiner Dachkammer erklommen hatten, stellte sich heraus, daß sein Zimmer ein Hitlerschrein war. Die Wände waren über und über mit Flaggen, Fotografien, Plakaten, Parolen und Abzeichen bedeckt. Seine SA-Uniform hing fein säuberlich auf einem Kleiderbügel. Er präsentierte diese Kultgegenstände mit glühendem Eifer und zeigte mir zum krönenden Abschluß das Glanzstück seiner Sammlung. Es war eine Automatikpistole, eine Luger Parabellum, wenn ich mich recht entsinne, sorgsam geölt und in wasserdichtes Tuch eingeschlagen, zusammen mit einem Stapel grüner Pappschachteln mit Munition. Er nahm die Pistole auseinander, setzte sie wieder zusammen, lud das Magazin, ließ es mit Schwung einrasten und entfernte es wieder, legte einen Gürtel mit Brustriemen und Halfter an, ließ die Pistole geschickt hinein- und wieder hinausgleiten wie ein Cowboy, schleuderte sie in die Luft und fing sie wieder auf, ließ sie um den Finger kreisen, tanzte mit einem zugekniffenen Auge durch das Zimmer, als nehme er ein unsichtbares Ziel ins Visier, und tat mit lautem Zungenschnalzen, als drücke er ab… Als ich fragte, ob ihm mit all den Sachen in seinem Zimmer nicht beklommen zumute sei, lachte er, setzte sich auf die Bettkante und sagte: „Mensch! Du hättest es letztes Jahr sehen sollen! Du hättest dich krankgelacht! Da war hier alles voll mit roten Fahnen und Sternen, überall Hammer und Sichel, Bilder von Lenin und Stalin, Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Damals habe ich zugeschlagen, wenn einer das Horst-Wessel-Lied sang! Für mich gab es nur die Rote Fahne und die Internationale! Ich war nicht bloß ein Sozi, ich war Kommunist, ein waschechter Bolschewik!“ Er hob die Faust zum Gruß. „Du hättest mich sehen sollen! Straßenkämpfe! Wir haben die Nazis nach Strich und Faden versohlt, und sie uns. Wir haben uns totgelacht. Aber als Hitler dann an die Macht kam, ist mir mit einem Mal klargeworden, daß das alles Unsinn war, nichts als Lügen. Ich begriff, daß Adolf mein Mann war. Einfach so, aus heiterem Himmel!“ Er schnippte mit den Fingern. „Und hier bin ich also!“ Was aus seinen alten Frenden geworden sei, wollte ich wissen. „Die sind auch alle rübergewechselt! – die ganzen Jungs aus der Kneipe. Alle ohne Ausnahme. Die sind jetzt alle in der SA.“ Ob sich denn auch viele andere so verhalten hätten? Viele? Er riß die Augen auf: „Millionen! Ich kann dir sagen, ich habe gestaunt, wie schnell die alle die Seite gewechselt haben!““