Der Düsseldorfer Lyrikleser

In den frühen 90ern hatte ich in Düsseldorf eine Band namens Schweinebraten. Gespielt haben wir nur einmal, unplugged, obgleich unser Konzept auf elektrisch verstärktes Grundrauschen angelegt war. Wir behielten die Klamotten an, obwohl das ausgeklügelte Konzept eigentlich Nacktauftritte vorsah und wir rockten nur ein zwei Minuten, indem wir einen Präpunkklassiker von The Troggs coverten – vorgesehen waren ursprünglich neutönerische Eigenkompositionen von mindestens einer LP-Seitenlänge Dauer. Immerhin, wir hatten einen fantastischen Bandnamen, um den wir bis heute im gesamten Rheinland beneidet werden. Mit einem der Bandmitglieder, Dan „Don“ Dose rauschte ich jüngst an Silvester durch die tiefgefrorene Düsseldorfer Nacht, zuvor hatten wir in Erinnerung an alte Tage einige Cocktails in Bier gelöst, die Cocktails waren von einer Fernsehmoderatorin mit Kußmund und nach Augenmaß gemischt worden und alles, was der geneigte Leser sich unter einer solchen Aussage vorstellen mag, trifft zu. Drinnen schoß man mit Silvesterraketen, draußen hatte es ca. zweistellige Minusgrade, Eiswind langte in die kaum beleuchteten Bilker Straßen und griff an entblößte Nacken, an dunklen Kreuzungen warteten noch dunklere Würgeengel um ein frohes neues Jahr zu wünschen. Alle Straßenschilder tauschten in dieser Nacht heimlich ihre Positionen oder versteckten sich hinterm schwarzen Spiegel der dümpelnden Düssel, der Weg weitete sich, das Pflaster unter unseren Füßen verweigerte uns seine Bettstatt, es wollte uns leiden statt liegen sehen. So zogen wir durch Raum und Zeit und ignorierten nach Möglichkeit das empörte Grunzen der am Wegesrand geparkten Autos, die, von unserer Rede aufgestört, ihre Reviere zu verteidigen trachteten. Allein der ausgeschwitzte Alkoholfilm auf der Haut und der ganze Rindertalg in unseren Gesichtern verhinderten den sicheren Tod, denn Alkohol und Talg tarnten uns, wir waren als Menschen nicht mehr erkennbar. Woher der Talg kam – fragt mich nicht! Es kam auch der Morgen, über uns spreizte sich lasziv das berühmte Stadttor, Glas und Stahl knirschten in unseren Schädeln, und ich erinnerte mich vage an einen Auftritt in der Staatskanzlei, in der obersten Etage des Gebäudes, während dem ich den Rhein, auf lyrische Weise, als Würstchen tituliert hatte. Der aber schien sich glücklicherweise nicht zu erinnern und zog wenige Meter von uns entfernt in üblicher Manier durch seine Kurven. Auf der Uferpromenade kam uns aus der Morgensonne ein Mann in schulterhohem Stechschritt entgegen, seine präzise formschöne Bahn visierte er über einen imaginären Faden, den er mit nackten Händen vor sein Gesicht hielt, aus Augenhöhlen, die einen rußgefärbten Tunnel ins Garnichts verhießen. Dieser wirrhaarige Mann, dem wir begegneten, war der berühmte ewige Lyrikleser, der zwischen den Jahren bisweilen am Rhein auftaucht, immer dann, wenn es ihm gelingt, sich mithilfe der Bewußtseinsdroge LSD manifest zu machen. Häufig hatten wir vergeblich nach ihm gesucht, nun bestätigte sich das alte Sprichwort, daß sich alles von selbst findet. Wir fanden kurz darauf auch die gesamte Stadt, einschließlich Bilks, wieder in geordnetem Zustand vor, und am Telefon erzählte uns Costa „Quanta“ Costa, ein weiteres Schweinebraten-Gründungsmitglied, gewohnt lakonisch sein vorweggenommenes Jahresfazit: daß heuer nämlich die 69er Jahrgänge mal schön 40 würden.


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Ein Kommentar zu “Der Düsseldorfer Lyrikleser”

  1. hab
    24. Januar 2009 um 17:30

    lieber stan. nach der obigen lektüre kann ich nicht anders. du bekommst, vorab, exklusiv, geliehen, die transkription einer passage meines handschriftentextes. frage nicht …

    Juvenilia (ist008)
    I Zit. Aus Grube / Kogge, Schrift: über Goethes eratische Schrift (1) und aus einem Manifest für die Umschrift und gegen die Indifferenz des zeitgenössischen Buchdrucks (2) // Das Zei[tli]che und die Umschrift. Das Schaude[rn] vor II dem vergangenen Selbst. Noch immer existiert das Textbuch aus Loseblättern der fr[ü]hen 90er. Gelochtes [Gedachtes], gerissenes, speckiges, verwischtes. Es enthält handschriftliche Entwürfe und Endversionen von L[ie]dtexten meiner damaligen Band ‚Trout Fishing‘. Ich war Sänger. Und be[dien]te die Effektgeräte. Die Musik: irgendwo zwischen dunklem New Wave und [..] Grundgegitarren. Vollständig verhanden: Die Proberaumatmo und Bierla[ch]en auf dem Holzboden. Nicht mehr vorhanden: Die einzigen 2 Auftritte, die wir absolvierten – Sie wurden beide beinahe abgebrochen wegen Trunkenheit der gesamten Ma[nn]schaft. Ein Bild gibt es noch: ich, schlafend auf einem Tarnnetz. // Die Nichtpräsenz. Die Historisierung und ihre Ausschl[...]: Umschrift. Identität vs. Nichtidentität. „Das war meine Schrift und ist es nicht mehr (Gottseidank). Juvenilia – heisst es bei Arno Schmidt. In der Handschrift den Abschluss der Dinge begreifen … III Juni War arabischer Schiff. Vor allem Gore Borge zu der plausiblen These, dass der Fluch tritt des Dichters semiotische Roten. Pure Materialität der Antrieb. Die Anton des Manifests, die Haare geschoren. Der Kult des Herds. Expressbuss, der Rezess selbst des Autors im Neuschnee zu unfesten Textes.”

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