Rhein bei Xanten

Xanten besitzt (ich habe es, glaube ich, an anderer Stelle bereits erwähnt) für seine Größe eine enorme Anzahl Sehenswürdigkeiten – ich aber möchte, wo ich schonmal in der Gegend bin, den Rhein sehen, der Xanten vor rund 500 Jahren verlassen hat und bis heute nicht zurückgekehrt ist. Es mag ja Gründe geben, und wenn es sie gibt, sollten sie auch herauszufinden sein. Um den Rhein zu erreichen wandert der unbedarfte Besucher zunächst durch Xantens Außenbezirke und Vororte, die außer typisch deutschen Hausgärten kaum Sehenswürdigkeiten aufweisen. Sind die Außenbezirke und Vororte durchmessen, öffnet sich das Feld. Und mit und über dem Feld eröffnet sich sogleich eine Weite und Kälte, die schon manchen guten Mann das Leben gekostet haben mag. Freiheit von der anstrengenden Sorte. Hier läßt sie sich an, ließe sich prima ein Werbeclip für extraherbes Bier drehen. Vage Raine strukturieren ein wenig das allenthalben gültige Nichts. In der Ferne hockt und pickt eine Krähe. Eine unbefahrene Straße führt sonstwohin. Frost, Reif, Schneereste auf Gattern. Der Himmel zugeeist. Dahinter eine Sonnenscheibe aus frisch abgekühltem Platin. Der Maulwurf, dessen bizarre Hügel ihn als maßgeblichen Landschaftsarchitekten ausweisen, schläft tief unter der Erde bei voll aufgedrehter Heizung. Vom Rhein ist weit und breit nichts zu sehen, was wundert, sämtliche Karten verzeichnen ihn ganz in der Nähe, die Landschaft aber verweigert jeglichen Hinweis auf einen nahen Fluß. Ein Fluch scheint auf diesen Quadratkilometern zu lasten. Der Luftdruck ist sehr hoch, sorgt für fysische Belastung. In Bodennähe geliert die Luft, erschwert das Fortkommen zusätzlich. Rinderschädel am Wegrand: undeutbare, dennoch besorgniserregende Zeichen. Schlimm auch, daß die Himmelsrichtungen ständig wechseln und alles gleich aussehen lassen. Bestimmt gibt es überall unter Bodenklappen versteckte Schnapsdepots – anders läßt sich diese Landschaft dauerhaft garnicht ertragen. Ich kann allerdings keine finden. Leise klirrt der Frost vor sich hin. Ansonsten Totenstille. Ein paar Kilometer weiter und die Situation hat sich nicht verändert. Außer Himmel gibt es nur reifbedecktes Grün und Braun. Keine Spur von Flüssen. Verzweifelt drehe ich mich mehrfach um die eigene Achse und stehe plötzlich vor zwei Mädchen auf Inlineskatern. „Geht es hier zum Rhein?“ Die beiden lachen sich kaputt. Vor uns fließt der Fluß in all seiner Majestät. Besitzt sogar einen Fähranleger. Unvermittelt gerate ich auf die Kopfsteinrampe, die in die Fluten führt. Sie ist glatteisüberzogen. Unter meinen Sohlen gleitet der Hang nach oben, mit atemberaubender Geschwindigeit nähere ich mich meinem Ziel. Am Himmel skaten die lachenden Mädchen in ihren dicken Anoraks davon. Sie zwitschern wie die Amseln.


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