Venus von Appenweier

Die computergestützte Regionalbahn taucht, von Karlsruhe kommend, in den Morgennebel der zugeschneiten Ortenau, Obstbaumkonturen, reifbewachsen, das Tal Weiß in Weiß, mit Premiere nachbearbeitet scheuert der Standbild-Himmel im Zweiminutentakt an schneebedeckten Feldern. Unschärfen, farblose Pixel, Deckweiß und Kälte, das Zugabteil in Maßen gefüllt mit badisch sprechenden Avataren. Die Venus von Appenweier, die bisweilen im Dreizehnuhrzug aufscheint und verfällt, ihre kräftigen Hüften, ihre rätselhafte Stimme, das fahle Haar und eine Erfahrung, die bis auf die Steinzeit zurückreicht: insgesamt eine Schönheit, die so schön ist, daß sie sich mit nichts vergleichen läßt, es gibt sie tatsächlich, ich habe sie nun gesehen und ihre Erscheinung wird mich nimmermehr loslassen. Dann die Damen aus Baden-Baden mit ihren gerenderten Visagen: professionell aufgeweichte slawische Wangen, polarfuchsbesetzte Schultern, schrille Hautfarben, Zweithaar, entsteigen sie den Zeitschriften auf ihren Schößen, leicht knittrige Geburten ihrer selbst. Ein paar Selfmade-Webmaster im regionaltypisch bodenständigen Gespräch über elektronische Mülltrennung. „Bruchener Meerretti? Bruchener Meerretti?“ tappt ein Gnom die Bankreihen entlang, Meerrettichrieb in den Handtellern, so ein süddeutscher Alberich von der Obst- und Gemüsefront, weiße Wurzelschärfe zieht übern Gang, draußen die eisigen Apfel- und Zwetschgenbäume lösen sich vom Grund, stellen sich schief, wie Sehnen gespannte Äste lassen die dürren kahlen Stämme schnallen und knallen und schneestäubend im Nebelschleier kreisen. Eine Landschaft und ihre Bewohner in Einklang. Der kanalisierte Rhein friert, läuft streckenweise rückwärts, sehr zäh, Eisgang eben, der Zug knirscht und quietscht auf den Gleisen, kräftiges Harschen gekörnten Schnees, irgendeine Murg, die Fische tieffriert in stufenlosem Verfahren, hier in der Region erfunden und in Stuttgart patentiert. Der Schwarzwald und die oberrheinische Tiefebene spielen einmal mehr Inversionswetterlage. Das ist Heimat, das ist mein wunderbares Badnerland. Weiter oben in Haslach, Hausach und solchen Orten bricht die Nebelwand ab, wird das Schwarz der Krähen wieder sichtbar. In Hornberg steht eine der größten begehbaren Kloschüsseln der Welt. Schüsse erklingen. Nebst Kuckucksuhren. Rauschende Wasserfälle. Premium Schinkenspeck. Diese Gegend gibt es nur noch in Computerspielen, wer sie betritt, bekommt einen Chip implantiert, der alte Zeiten wachruft, dunkle Tannen, heideggersches Sein in idyllischen, bis auf den letzten Nanometer erfassten Schluchten voller Schrate und Holzbewohner, der Talblick bildet ein spitzwinkliges Dreieck, gesäumt von Regalen mit Echtnatur in Konservendosen, 425 ml zu 0,99 Euro und dem dazu passenden Schnaps, Wässerle genannt, das im Winter die Gedanken frei hält, frei, frei, frei, niemand kann sie erraten, sie fliehen und eilen vorbei, huschhusch, wie menschliche Schatten.


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