Weckschnapp

Guantánamo-Haftlager op Kölsch: Da steht ein Trum, da geht eine grausige Sage, Trum und Sage schließen sich auf den ersten Blick nicht völlig aus, fertig ist die Sehenswürdigkeit. Der Trum – ein mittelprächtiges Konstrukt aus übereinandergeschichteten Steinen, nicht selten eine frisch erbaute Ruine, die beim kritischen Betrachter opulente Kleinejungenwünsche voll wohlgesetzter, vor allem durchschlagender Sprengladungen provoziert. Der Fall Weckschnapp verhält sich ähnlich, das Türmchen am Kölner Rheinufer allerdings gefällt im Stadtbild, es gälte anderes in die Luft zu jagen. Das Türmchen steht harmlos da. Wie der Nachbar, der immer vor der Tür steht, weil er nichts besseres zu tun findet. Die Arbeitslosigkeit. Die modernen Gesetze, die ihm das Socialising erschweren, in heiliger Allianz mit den Cappuccinopreisen. Ein von grundauf harmloser Kerl, aber seit ihm nachgesagt wird, er zerfleische nachts heimlich lebende Kaninchen mit den Zähnen, schauen ihn die Leute vorsichtiger an, grüßen zurückhaltender, respektvoller. Dem Türmchen am Rheinufer wird nachgesagt, es habe einst für eine der perfidesten Todeszellen der katholischen Welt herhalten müssen. Verurteilte wurden in den Turm geworfen und dort in Ruhe gelassen, bis ihnen nach geraumer Anpassung an diese Sorte Isohaft der Hunger an den Verstand ging. Exakt der Zeitpunkt, per Schnur und unter animatorischem Gewackel einen Wecken in unerreichbarer Höhe über des Delinquenten Schädel hinabzulassen. Der Hungerleider springt und schnappt erfolglos nach dem Weck, bis er durch eine Falltür in der Mitte des Turmverlieses stürzt, sein Fall führt zurück zu Vater-Rhein-in-seiner-Güte, im Verlauf des Fallwegs sind Klingen angebracht, die den Stürzenden in fischgerechte Portionen stückeln. So sprechen wir heute vom Mittelalter.


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Ein Kommentar zu “Weckschnapp”

  1. Stan Lafleur
    16. August 2017 um 10:55

    “Der Turm, in dem hungernde Gefangene nach einem aufgehängten Brot, einem „Weck“, schnappten und dann durch eine Falltür in den Rhein rutschten, war ein anderer”, schreibt der Kölner Stadt-Anzeiger heute anläßlich eines Portraits des neuen Privatbesitzers, und: “Nur ein einziger, besonders dünner Gefangener soll das überlebt haben. Es spricht viel dafür, dass sich die Sage auf einen Teil der im Rhein stehenden Befestigungsmauer bezog. Die sogenannte Ark wurde beim großen Hochwasser von 1784 zerstört.”

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