Rhein, schön

“Am schönen Rhein liegt Basel und Kairo liegt am Nil.” (Vico Torriani, Kalkutta liegt am Ganges)

“heute finde sogar ich den Rhein schön, sagt sie” (GrIngo Lahr, Österreich und Astrophysik)

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Johanna Schopenhauer besucht Köln und vergleicht die Stadt mit Bordeaux, Hamburg, Paris, London und Berlin

“Kaum hat man Bonn im Rücken, so ist auch, wie durch einen Zauberschlag, alles Schöne und Herrliche verschwunden, das bis dahin am Rhein uns entzückte. Zwischen öden, kahlen und flachen Ufern wogt der prächtige Strom der ihm nahenden unwürdigen Auflösung im schmählichen Sande fast traurig und widerwillig entgegen, und dem verwöhnten Auge bietet nur selten hie und da sich ein Punkt, auf welchem es mit einigem Wohlgefallen verweilen möchte. Der Weg zu Lande von Bonn nach Köln, unerachtet der schönen Chaussee, auf welcher man in weniger als vier Stunden ihn zurücklegt, ist unbeschreiblich öde und langweilig; wir zogen daher, unerachtet des schlechten Wetters, zu unserm Weiterkommen das Dampfschiff vor; ich war nun schon muthig genug geworden, um erfahren zu wollen, wie man auch bei Regen und Sturm sich auf demselben befindet. Nachmittags gegen drei Uhr geht es von Bonn ab, und langt zwischen sechs und sieben Uhr in Köln an. (…)
Der Abstand zwischen den üppigblühenden Ufern der Garonne und den öden flachen Umgebungen dieser uralten Hansestadt ist freilich sehr groß, dennoch fiel die Lage von Bordeaux mir auf das lebhafteste hier ein. Wie dort die Garonne, so bildet auch hier der sehr breite Rhein einen weiten prächtigen Bogen, um den Köln, wie Bordeaux an der Garonne, in einem großen Halbzirkel sich hinzieht, an dessen äußerem Ende der schöne alte Beienthurm steht. Haus an Haus, Giebel an Giebel, über welche die zahlreichen Thürme der vielen Kirchen emporsteigen, deren Köln in früheren Zeiten, die Kapellen mit eingerechnet, so viele in seinen Mauern eingeschlossen haben soll, als das Jahr Tage hat. In ihrer Mitte erhebt sich eine räthselhafte dunkle kolossalische Gestalt. Es scheint kein Gebäude zu sein, dafür ist es zu groß, aber auch, der zu regelmäßigen Form nach, kein isolirt dastehendes Felsenstück; es ist der Dom, dieses hohe ehrwürdige Denkmal des kühnsten Emporstrebens des menschlichen Geistes und der Unzulänglichkeit menschlicher physischer Kraft, dessen erster Anblick auf mich einen unbeschreiblich schwermüthigen Eindruck machte. Seit Jahrhunderten harrt diese ursprüngliche große Ruine der Vollendung entgegen, und wird es immer; noch steht der Krahn, an welchem die mächtigen Quadern hinaufgewunden wurden; die Arbeiter haben Feierabend gemacht, Feierabend für ewige Zeiten, und kaum vermögen ihre Urenkel noch mit großer Anstrengung das begonnene Riesenwerk vor gänzlichem Verfall zu bewahren.
Trübe wandte ich den Blick von der schmerzlich schönen Erscheinung ab, er fiel zufälligerweise auf die großen Schiffsmühlen dicht vor Köln; getäuscht durch die schnelle Bewegung, in welcher der Strom uns auf sie zuführte, kamen sie wie formlose kolossale Seeungeheuer mir vor, mit gräulichen Flügeln, die halb rudernd, halb fliegend auf uns zueilten, um uns zu empfangen, oder auch in den Grund zu segeln. Jetzt landeten wir an der Brücke, der Anblick der vielen Masten im Hafen, die vielen Nachen, die mit Obst, Gemüse und Lebensmitteln aller Art beladenen Marktschiffe, das rege, thätige Leben ringsumher erinnerte mich lebhaft an Hamburg, obgleich dieser Hafen am Rhein nur ein sehr kleines Miniaturbildchen jenes großen weltberühmten an der Elbe genannt werden darf.
Sowie wir den Fuß ans Land setzten, entstand unter den in Köln nicht einheimischen Passagieren eine Art Wettlauf. Alles eilte dem nahen Gasthofe »zum großen Rheinberge« zu. Glücklicherweise war unser Quartier vorher bestellt, sonst hätten wir schwerlich noch Raum in demselben gefunden. Der erste Blick aus dem Fenster erklärte mir am folgenden Morgen, was die Reisenden bewegt, diesen Gasthof vor den vielen andern, zum Theil weit größern und elegantern in Köln vorzugsweise zu wählen: es ist die unvergleichlich schöne Lage desselben, hart an den Ufern des Rheines. Die große schöne Schiffsbrücke, die zu dem Köln gegenüberliegenden Städtchen Deutz hinüberführt, liegt gerade vor den Fenstern, sie wird auch als Spaziergang benutzt, und ist vielleicht der angenehmste, gewiß der lebhafteste um Köln. Das nie stockende Gewimmel von Fuhrwerken und Fußgängern auf derselben, der Anblick des Stromes, dessen weitere Windung, in welcher er den Niederlanden zueilt, das Auge verfolgt; das reich angebaute Ufer, der Stadt gegenüber, das tägliche Ankommen und Abgehen der mainzer und niederländischen Dampfschiffe, das lustig sich regende Leben im Hafen, Alles dieses zusammen bietet ein stets wechselndes, mannichfaltig bewegtes Schauspiel, dessen man in den ersten Tagen nie überdrüssig werden zu können meint, und auch so leicht nicht überdrüßig wird.
Die Stadt Köln macht, wenn man ihre Straßen betritt, keinen besonders freundlichen und erheiternden Eindruck, sie ist eine seltsame Zusammensetzung von Schön und Häßlich, von Alt und Neu, wobei ersteres immer noch das Uebergewicht behält, von beklemmender Düsterheit und freundlicher Helle. In steter Furcht, überfahren zu werden, betäubt vom Lärmen der Lastträger, der Karrenschieber und aller Unlust, eines in sehr beschränkten Räumen allerlei Gewerbe treibenden Volkes, windet man sich auf schlechtem, schlüpfrigem Steinpflaster durch düstre, enge Straßen, von hohen, die Luft beengenden Giebelhäusern umgeben.
Ringsumher, und in lockender Mannichfaltigkeit, stehen in großen Läden hinter hellen Spiegelscheiben Kunstsachen und alle erdenkliche Artikel des Luxus ausgestellt, aber man wagt nicht vor denselben betrachtend zu verweilen, wie in London oder Paris, denn an Trottoirs für die Fußgänger ist hier nicht zu denken. Mit jedem Athemzuge trinkt man den erstickenden Qualm von Thran, Oel, Leder, Unschlitt und allen möglichen Waarenartikeln ein, die ringsumher Gewölbe, Keller und Speicher anfüllen. Man biegt um eine Ecke und plötzlich ändert sich die Scene, wenngleich nicht auf lange Zeit. Breite, helle Straßen liegen vor uns, große, geräumige, zuweilen mit Bäumen besetzte Plätze und der Duft der Resede, der Rosen, des Jelängerjeliebers weht aus naheliegenden Gärten herüber, deren Köln in seinen Mauern weit mehrere und größere umschließt, als man bei der übrigens sehr engen Anlage der Stadt es erwartet.
Die Bauart der Häuser bietet das nämliche Gemisch von Alt und Neu. Die Zahl der älteren, mit der Giebelseite der Straße zugewendeten Häuser bleibt freilich noch immer bei weitem die überwiegende, aber selbst in engen Straßen, zwischen hohen und niedrigen, vielleicht mehrere Jahrhunderte alten Häusern, erheben sich im modernen Geschmack erbaute ansehnliche Wohngebäude; über die Eingangsthüre der alten Häuser steht gewöhnlich eine Art fratzenhafter Maske als Verzierung, die aus der ältesten Zeit herstammt, und vom Volke Grienkopf oder Grinnkopf genannt wird. Was aber sowol die alten wie die neuen Häuser mit einander gemein haben, sind die spiegelhell polirten Fenster mit den schneeweißen Vorhängen hinter denselben, und überhaupt die hier schon beginnende niederländische Reinlichkeit, die sich aber leider nicht bis hinaus auf die Straßen erstreckt. In Hinsicht des Straßenkothes wetteifert Köln mit Paris, der alten Lutetia, was aber in einer so lebhaften Handelsstadt, bei der Enge der meisten Straßen, nicht leicht abzuändern sein möchte. Auch müde laufen kann man sich in Köln so gut als in Paris und Berlin, und vermißt dabei schmerzlich die, selbst in mancher kleineren Stadt, auf bestimmten Plätzen immer bereitstehenden Fiacker, um bei zu großer Ermüdung oder bei einem plötzlichen Regenschauer schneller und bequemer fortkommen zu können. Wie alle kleinen Städte längs dem Rhein, streckt auch diese große, in unverhältnißmäßiger Länge zu ihrer Tiefe, sich längs dem Ufer hin, und ein Gang von einem Ende der Stadt bis zum andern dehnt sich dadurch oft zu einer kleinen Fußreise aus, die durch das unbequeme Steinpflaster sehr ermüdend werden kann. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 9: Köln)

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Kölner Dom (5)

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(Bilder: Johannes Schröer)

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Kölner Dom (4)

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(Bilder: Johannes Schröer)

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Kölner Dom (3)

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In einem bekannten sozialen Medium stießen wir auf die Domfotografien von Johannes Schröer. Seit vergangenem September zeigt Schröer seine Aufnahmen der Kölner Kathedrale einem virtuellen Freundeskreis. Sie dokumentieren den Dom im Licht der Jahreszeiten und den Alltag in, um und vor der Kathedrale. Den privilegierten, spektakulären Domblick, den Schröer an seiner Arbeitsstelle, dem Domradio, genießt, durften wir einst als Studiogast teilen. Doch Schröers Bilder entstehen nicht nur am Arbeitsplatz, sondern häufig auch auf der Straße, wobei sie die gotische Architektur mit gewitztem Auge ihrer heutigen Umgebung abgleichen oder zeigen Innenansichten der Kathedrale mit Heiligkeitsnachweisen aus gefangenem Licht. Selbst auf den ersten Blick laxe Perspektiven bezeugen und bewirken Respekt vor dem imposantesten aller Kölner Bauwerke. rheinsein dankt für die Genehmigung, die Bilder auch hier zeigen zu dürfen und hat sich angesichts der Fülle wunderbaren Materials zu einer kleinen Fortsetzungsserie entschlossen.

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40 Tage nach „Y“

Hinten in der S-Bahn eine Frauenstimme,
laut, erregt und mit stämmig-tomatigem Klang:
“Ich bin sauer…vor Jahren…ganze Schweinerei…”
offenbar in ein Mobiltelephon
(da nur ihr Monologanteil vernehmbar).

Himmel eisheilig,
sein Grau frischer als die matten
Stahl- und Glasfassaden der Bürotürme.

Ansonsten das seit zwei, drei Jahren
üblich gewordene Bild:
acht von zehn Passagieren tippen
beidhändig in ihre
handtellergroßen Kommunikationsgeräteplatten
mit Glattberührungsoberfläche.

Weiter mit der Straßenbahn.
Worringer Platz; ein Hochglanzaufkleber
auf dem Müllbehälter: “Pfand gehört daneben”.
Kölner Ecke Börnestr.; ein Daimler Benz Coupe
wie Bobby Ewing vor 30 Jahren eines in Dallas fuhr,
statt rot allerdings in silbergrau.

Pempelforter Ecke Wehrhahn.
Gelbe Kunststoffzäune mit warnblinkfähigem Gelämp,
dahinter drahtige Baustellenzäune übermannhoch,
Betonwände metertief in die Straßengrube eingegossen,
LKWs und Kräne.

Unweit des nahen Brauereiausschanks
ein Ladenlokal mit Bistro oder ähnlichem darin.
“Das war früher eine feine Kneipe“, lässt sie wissen,
“da saßen wir mittags in Anzug und Kostüm zum
Pausenbier.”
(Im Wochenblatt steht, dass in Alt-Erkrath, dem Nachbarstädtchen,
die nach der Post benannte Wirtschaft endgültig geschlossen habe –
Traditionslokal seit Jahrzehnten.
Das strenggestrenge über alle Stränge allzu enge Totalrauchverbot
In Räumen mag der vorletzte Sargnagel gewesen sein, der letzte
wohl die in Kürze beginnende erkennbar überflüssig zu nennende
Erneuerung des Fußgängerzonenpflasters – praktisch das Ende der
Außengastronomie.)

712 Richtung Ratingen.
“Baschelll…” murmelt seine Phonetik…
“gibt’s immer noch”, ergänzt sie;
alteingesessene Düsseldorfer Druckerei an der Grafenberger Allee.

Immer schön, die griechische Fahne in Europa
wehen zu sehen.

Im Erdgeschoss des Konsulatsgebäudes
eine Arztpraxis für Hämatologie.
In deren Empfangsbereich in einer Blumenvase
drei rote Rosen und zwei weiße Nelken –
Symbol vielleicht für das gesunde Mischverhältnis
der Blutkörperchen.
Spontaner Gedanke:
Die Werte der Leber sind nicht immer die der Gesellschaft.

Hier soll nur eine Unterlage für jemanden abgeholt werden.
Stattdessen dauert es, Patientenschlange vorm Anmeldetresen.
Neue PCs werden installiert, ein Computermann starrt emsig auf
einen Bildschirm, ein weiterer Techniker fuhrwerkt am Drucker.
“1969″, sagt hinten in der Schlange
ein Wartender zu einer Wartenden, “war bei den
Banken noch ein menschlicheres Arbeiten. Es wurde miteinander
gesprochen. Heute glotzt jeder nur in sein Gerät.”
Vorne ähnliche Befunde:
“Mit dieser Maus kann ich nicht arbeiten. Diese Maus macht mich rasend“,
lüftet die Sprechstundenhilfe ihre Seele,
angespannt auf einen Flachbildschirm stierend.

Zurück in der Bahn, junge Mutter mit Kinderwagen,
gepflegtes Äußeres, schämt sich beim Lächeln nicht
ihrer Zahnlücke.
So weit sind die Zeiten also schon, mag manch einer denken.
So weit sind die Zeiten schon wieder, denkt vielleicht ein Älterer.

Vermehrt Goldankaufläden.
Bruch- / Zahn- / Alt-gold. Neueröffnung.

Gleichviel, ob Bekleidungsdiscounter oder Markengeschäft,
das Etikett in den Stoffen schreibt überwiegend „Made in Bang!!! La Desh“.

Vor rund 40 Tagen schrieb der Dichter GrIngo Lahr:
“Y-Stelen.
Einst 1000 Füße. Wie einsame Zahnruinen in einem zahnlosen Kiefer, umgeben von
Schutthügeln aus Beton und verbogenem Stahl,
dahinter emblemloses Dreischeibenhaus & blauer Himmel
TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK-TOCK…
Gewaltiger Kran mit fünfgliedrigem Langarm. Abbruch/Hauer/Hammer,
im ganzen Viertel hör- & spürbar, zerstückelt die Leiche der Autobrücke.
Ein zweiter Aasfresser von der anderen Seite, Großkran, vier- oder fünfgliedriger Arm
Mit schlangenartigem Greifgebiss: „RRRffRRRffRRRff“. Plopp plopp Staub.
Hämmern und Fräsen um die Wette an beiden Seiten des Torso.” [***]

Knapp 40 Tage später statt Schuttbergen nun ein Saugbagger.
Ein Fahrzeug, ähnlich der Form von Wasserwerfern der Polizei bei Krawallen,
statt grün (künftig blau) hier jedoch in orange und mit umgekehrter Funktion.

Kräne von Bill Finger, lieber Herr und Woll! Wo?
Motto der Abbruchfirma, sie schaffe Platz für Neues.
Bahnschwellen, älter wohl als die 1960er/70er Jahre
aus dem Erdreich geborgen und sorgsam aufgestapelt.
Ein Kranbohrgerät bearbeitet einen neuen Kanaleingang:
!wie-wieCH wie-wieCH wie-wieCHCH…”

Vor Schaufenstern zigarettenrauchende Damen.
Bis vor zwei Wochen durften sie das noch im Cafe
auf Stühlen an Tischen sitzend,
hinter Glas zwar, wie im Terrarium
(aber damit waren Raucher wie Nichtraucher einverstanden gewesen).
Seit 14 Tagen würden die Damen sich illegal verhalten,
folgten sie weiterhin ihren bürgerlichen Gewohnheiten,
zum Kaffee zu rauchen.
Ihr Menschlich-Sein wurde quasi über Nacht kriminalisiert.

Historische oder apokalyptische Vergleiche seien hier,
die political correctness zweckhalber zum Stilmittel umbiegend,
schlicht verschwiegen, aber ist es nicht George Orwell,
der da aus dem Jenseits murmelt:
“Kommt`s noch so weit, dass Steuern auf die Atemluft erhoben werden?”

© GrIngo Lahr 15.05.2013

[***] Quelle: Literatur-Flyer „Lit-Single“, © GrIngo Lahr, vom 07.04.2013 (Titel „Y“), Wuppertal 2013

Seit 1993, seit nunmehr 20 Jahren bringt GrIngo Lahr seine Lit-Singles betitelten Literatur-Flyer “zur privaten Zirkulation im Freundeskreis und in der literarischen Fachöffentlichkeit” unter die Leute. 40 Tage nach Y ist ein literarischer Streifzug durch Düsseldorf, der an Lahrs im Text zitierte Lit-Single “Y” anschließt und exklusiv für rheinsein entstand. Die Y-Stelen meinen die Träger des vor wenigen Monaten abgerissenen “Tausendfüßlers”, einer ehemaligen Hochtrasse, seinerzeit eines der architektonischen Wahrzeichen der Stadt. rheinsein dankt GrIngo Lahr für den Text und für seine Meldung nach all den Jahren!

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Den Überlebenden der Maggikalypse

oder auch des Armaggiddon, wie Michael Schönen in einem berühmten sozialen Medium schrieb, ist die maggikalyptische Geschichte des gestrigen Tages von den herkömmlichen Medien inzwischen ausführlich und zureichend erklärt worden: gegen 14 Uhr war am Dienstag von Seiten der Kölner Feuerwehr Entwarnung gekommen. Beim Aromenhersteller Silesia in Neuss-Allerheiligen seien bei einem Destillierprozeß in der Nacht zuvor vier Kilogramm Sotolon, ein künstlicher Aromastoff, entwichen und mit dem Nordwind Richtung Köln gezogen. Als im Laufe des Vormittags der Wind drehte, wanderte der Geschmacksstoff ein wenig links und rechts des Rheins entlang und schließlich an seinen Herkunftsort zurück. Sotolon riecht in hoher Konzentration nach Liebstöckel, dem sogenannten Maggikraut. Gesundheitsschädlich sei Sotolon nicht, verlautbarten Experten. Mit dieser Feststellung dürften auch die Spötter über die Besorgten gesiegt haben. Denn während eine Hälfte Kölns die Leitungen von Feuerwehr und Katastrofenschutz heiß laufen ließ, ergingen sich abgebrühtere Bürger in Kreativität. Ob sie sich dabei von den Protesten am Istanbuler Taksim-Platz inspirieren ließen, blieb zunächst ungewiß. In Istanbul, das u.a. mit dem Slogan „Taksim ist überall!“ in den vergangenen Tagen weltweit zum Synonym für einen kreativen Aufstand mit Galgenhumor geworden ist, kursieren zahlreiche Sprüche und Lieder zum maßlosen Tränengaseinsatz der Exekutive, der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat von seinen geliebten çapulcu-Bürgern den neuen Kosenamen „Gasvater“ erhalten. In Köln bewiesen die Medien wie sich eine funktionierende Demokratie nicht zuletzt auch in der Berichterstattung bewährt. Wo die türkischen Mainstream-Medien sich bis auf die Knochen blamierten, schaltete der Stadt-Anzeiger umgehend einen Katastrofen-Liveticker, der zum WDR gehörige Radiosender 1 Live beließ es nicht bei der Berichterstattung, sondern übernahm sogar die Rolle des Sponti-Protestlers und entwarf im Eilverfahren ein höchst anschauliches Domposter mit zwei Maggiflaschentürmen:
maggikalypse

Und ein via Twitter kursierender T-Shirt-Entwurf für den noch zu überlebenden Tag kündete bereits mitten im Maggidunst profetisch-optimistisch vom Verwinden des Weltuntergangs:
maggikalypse überlebt

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Das Rheinland riecht nach Maggi

Maggikalypse now: zahlreiche Online-Medien berichten heute von einem „würzigen, ätzenden Geruch“, der, seit den frühen Morgenstunden von Köln ausgehend, sich via Leverkusen, Dormagen und Neuss über das Rheinland breite und mittlerweile (Stand: High Noon) in den südlichen Düsseldorfer Stadtteilen angekommen sei. Herkunft und Bestandteile des Geruches seien unklar, die Feuerwehr ermittle fieberhaft, aber bisher ergebnislos mit Massenspektrometer und Luftgas-Chromatografen. Die in der Gegend ansässigen Farmaunternehmen „wüßten von nichts“. Zuerst am Niehler Ei, dann in ganz Köln sei das Fänomen aufgetreten, das nach Maggi oder Majoran rieche. Im Laufe des Vormittags konnte rheinsein einen leichten Maggi-Geruch auf unserem Kölner Balkon bestätigen. Ein Mitarbeiter des benachbarten Nippeser Bürgeramtes habe Übelkeit beklagt und sich ins Krankenhaus bringen lassen. Inzwischen wirkt zumindest die Balkonluft wieder rein bis geschwängert von schweren Hollerblütenschwaden aus dem Hinterhof. Richtung und Tempo des bizarren Maggi-Wandergestanks nach zu schließen, scheint er sich an die Vorgaben des Rheins zu halten. Ob er bis in die Niederlande vorzudringen gedenkt, ist bis dato noch ebenso unklar wie ob er Köln, seine offenkundige Homebase, bereits vollständig verlassen hat.

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Achill in Vaduz

Manchmal, wenn ich die Straße
vor dem Kunstmuseum in Vaduz überquere,
rüber will in den Laden, um mir ein Brot
zu kaufen, steht Achill vor mir, er
der Krieger, Sohn der Thetis, ein Halbgott,
bis auf die berühmte Ferse unverwundbar.
Er ist ein freundlicher Herr, gekleidet
in einen dunklen Anzug, er grüßt, lüpft
seinen Hut wie zum Scherz, dann nimmt er
den Speer, der neben ihm auf dem Boden
liegt, schleudert ihn leichthin, hoch,
mit seiner Rechten, an seinem Schild,
den er über dem Anzug in seiner Linken hält,
vorbei – eine grazile Bewegung, ganz
hoch hinauf, und ich sehe ihn fliegen,
höher und höher, aufblitzen im Licht,
der Sonne entgegen – dort hält er sich,
er scheint zu schweben, ganz langsam,
fast ohne Bewegung, da oben am Himmel,
bevor er dann gleitend verschwindet,
weit, hinter Nebel und Wolken,
Bergen und Schnee – auf dass er falle und lande,
auf der Landkarte irgendwo unten, seicht,
an des Mittelmeers kultreichen Stränden.

***

Achill in Vaduz markiert den Auftakt des gleichnamigen Bandes mit Gedichten und Zeichnungen von Wolfgang Heyder. Das unvermittelte Erscheinen des antiken Helden als freundlicher Anzugträger im Städtle, der Vaduzer Fußgängerzone, mag verblüffen. Verweist es auf eine der zahlreichen Skulpturen, mit denen das Städtle so vollgepackt ist, daß ihre Zahl diejenige der Passanten häufig überschreitet und die, als Kunstwerke, geflissentlich über sich selbst hinausweisen sollen? Oder handelt es sich um einen veritablen Liechtensteiner aus Fleisch und Blut, einen intellektuellen vielleicht gar, und seine Sehnsüchte, dem engen Nord-Süd-Korridor des von hohen Bergwänden begrenzten Rheintals zu entfliehen? Wo mag der Speer einschlagen? In Monaco vielleicht, einem weiteren Kleinststaat? ”Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus / Mutter, du weißt das alles; was soll ichs Dir noch erzählen?” (Homer, Ilias, herausgegeben von Johann Heinrich Voss) Gedichte sind selten dafür geschaffen, erklärt zu werden. Sie rühren in unserem Wissen. Gelingen sie, fügen sie einen frischen Schlag Sonstewas hinzu. Wolfgang Heyder zieht aus der Geschichte literarische Personen und Persönlichkeiten hervor und setzt sie im heutigen liechtensteinischen Alltag aus. Orpheus aus der Tiefgarage “(…) hat den Autoschlüssel vergessen / (…) noch im Dunkeln greift er zum Handy / (…)”, Kuhportraits gehören zwingend zu einer liechtensteinischen Dichtung: der heilige Stier beunruhigt Triesen, später am Abend löscht Hamlet seinen Durst auf der Schweizer Rheinseite in einer Buchser Beiz mit Fernet Branca.  Heyder geht in seinen Texten auch über die straff gezogenenen liechtensteinischen Landesgrenzen hinaus, die er mit dem texte trouvé Eine Werbung für Liechtenstein beschließt, einer Autoreklame der Marke Chrysler, die verkündet: “Das Leben vergeht viel / zu schnell. Holen Sie es ein.”

Wolfgang Heyder: Achill in Vaduz. Liechtensteiner Gedichte und Lieder mit Zeichnungen des Autors, Corvinus Presse, Berlin 2013, 132 Seiten, 25 Euro. ISBN 978-3-942280-22-8. Das Buch kann auch direkt bei der Corvinus Presse bestellt werden.
(Achill in Vaduz mit freundlicher Genehmigung des Autors. rheinsein dankt!)

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Möllemer Böötche

müllemer-böötche

Das Rheinhochwasser erschwert den Zugang zum Möllemer Böötche am Zoobrückenanleger, die Passagiere zieht es zur Sicherheit aufs Oberdeck. Das “Möllemer Böötche” sind in Wirklichkeit mehrere Boote (hier die Colonia 5), die unablässig zwischen Mülheimer Anleger und Kölner Dom hin und her pendeln. Sie entstammen einem erstaunlichen Lied von Karl Berbuer aus dem Jahre 1936: Heidewitzka, Herr Kapitän – das in den 50er Jahren Konrad Adenauer bei einem Staatsempfang in den USA als Ersatz für die nach dem Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich ausgesetzte Nationalhymne von Haydn/von Fallersleben vorgespielt worden sein soll. In weiten Teilen Kölns gilt Berbuers Lied bis heute als ideale, respektive als eigentliche Nationalhymne. Dabei ist die Bedeutung schon des Eingangswortes unklar. Immerhin existieren zahlreiche etymologische Spekulationen, so zu finden auf den Seiten der Akademie för uns kölsche Sproch. Den Liedtext entnehmen wir der ripuarischen Wikipedia:

Heidewitzka, Herr Kapitän
Mem Möllemer Böötche fahre mer su jän,
mer kann su schön em Dunkle schunkele
wenn üvver uns de Stääne funkele
Heidewitzka, Herr Kapitän
Mem Müllemer Böötche fahre mer su jän.

Eimol em Johr dann weed en Scheffstour jemaht,
denn su en Faht, hät keinen Baat.
Eimol em Johr well mer der Drachenfels sin
wo köme mer söns hin?
Liebchen ade, mer stechen he
mem Möllemer Böötche endlich en See,
un wenn et ovends spät op Heim ahn dann jeiht,
dann rofe mer vör luter Freud:

Heidewitzka, Här Kapitän…

Volldampf voraus! Et jeiht d’r Rhing jetzt entlang
met Sang un Klang, de Fesch wähde bang,
met hundert Knöddele dat litt klor ob d’r Hand,
wink uns et blaue Band.
Süch ens d’r Schmitz, met singem Fitz,
die sin ald jetz su voll wie an Spritz,
hä fällt dem Zigarettenboy öm d’r Hals
brüllt met’ner Stemm su voller Schmalz:

Heidewitzka, Här Kapitän…

Jung, ob dem Scheff ham’mer ald Windstärke 11,
bal Halver Zwölf un jar kein Hölf,
selvs de Frau Dotz, die met dem Wallfeschformat,
wood dovun seekrank jrad.
Heimlich un stell bütz doch dat Bell
en der Kajütt ne knochije Böll,
nä et wed Zick met uns, mer müsse ahn Land,
mer sin jo wie us Rand und Band.

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es ist stets herbst in mauenheim (2)

Herbst ist Erntezeit. Eigentlich müßte Mauenheim, bei seinen klimatischen Voraussetzungen, ein ewiges Erntedankfest feiern. Doch die Mauenheimer Versorgungslage ist mau. In der zentralen Nibelungensiedlung erblickten wir auf unseren Streifzügen lediglich eine klandestine, am frühen Nachmittag weitgehend ausverkauft wirkende Bäckerei und einen geschlossenen Friseursalon. Entlang der Verkehrstrassen, die Mauenheim gleich Würgeseilen umschließen, findet sich, in Mehrfamilienhausblöcke integriert, trotz einigem Ladenleerstand die überlebenswichtige Infrastruktur: Geschäfte und Amüsiermöglichkeiten. Der „Kaufsaray Megamarkt“ bietet halal Geschlachtetes und Wassermelonen, jedoch weder Milch noch Alkohol. Letzteren gibt es dafür gleich nebenan in der Merli-Schänke: Althäuser Korn, Mariacron und Kümmerling dominieren die Getränkekarte, die auch zwei Weinsorten kennt: weiß und rot. Nebst schwerzungigen Lauten dringt bromartiges Licht aus der nur tagsüber geöffneten Gaststube, eilt flugs übers Trottoir und versickert im nächsten Gulli. Um die Ecke laufen zwei Spielhallen im 19-Stundenbetrieb. Die von Wohnblocks verschattete Außenterrasse des von Senioren frequentierten Café Rademacher bietet den nachdenklich stimmenden Anblick unbesetzter Polstermöbel. Hinter der staubigen Scheibe eines typischen Kölner Büdchens grüßt ausdauernd die asiatische Winkekatze. Es ist der zweite Tag unserer Erkundungen. Die Menschen beginnen uns zu grüßen. (Wird vielleicht fortgesetzt.)

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Mainzelmännchen, Vinyl-Singles, Tabakdosen, ein Reichsbank-Sparsäckchen und im Schaufenster sich spiegelnde Wohnblöcke: Ladenkonzept in Mauenheim

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Wochenangebot des Mauenheimer Kaufsaray Megamarkts: Peynir (Käse). Von vier Angebotstafeln ist nur eine beschriftet. Die unübersetzten Zusätze kahvaltılık und böreklik besagen, daß der Käse zum Frühstück und für Blätterteigpasteten geeignet sei. Kaufsaray ist eine deutsch-türkische Wortverschmelzung, saray bedeutet Palast.

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Rheinische Revolution: die RBTA

Die Revolution findet im Internet statt. Nicht nur, aber auch. Der lange so genannte “virtuelle Raum” hat die Realität längst absorbiert. Innerhalb der Virtualität des Netzes bilden sich indessen reale und virtuelle Subkategorien und verbinden sich wiederum mit prä-, semi- und vollelektronischen Lebensformen der Erstwelt. Enno Stahl führt nun die seit Jahren vermutete rheinische Revolution auf allen Ebenen fort: rundumdieuhr via Hector Pandotero auf seinem neuen Blog und, wie es sich für eine zünftige Revolution hierzulande gehört, auch pünktlich und höchstselbst zu festgesetzten Uhrzeiten (inklusive Sommerpause) im Zentrum der Bewegung in Neuss:

2pac-amaru-hector

“auf diesem blog wird commandante hector pandotero, anführer der “rheinischen bewegung 2pac amaru” (rbta), regelmäßig über bevorstehende aktionen berichten. wir fordern die deutsche bevölkerung auf, sich aktiv an diesem blog zu beteiligen. wir werden jeden kontakt ernstnehmen und fragen zu unserem vorgehen offen beantworten. wer wir sind und wie unsere aktionen verlaufen erleben sie am sa.6.7.(premiere) / fr.12.7. / sa.13.7. / fr.6.9. / sa.7.9. / fr.13.9. / sa.14.9., jeweils um 20 uhr im kulturforum “alte post”, neuss.”

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es ist stets herbst in mauenheim

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Vor wenigen Tagen erkundeten wir Mauenheim, Kölns angeblich kleinsten Stadtteil, an den der Rhein allenfalls mit Altarmen einst heranfingerte und von dem es in einem bekannten Gedicht heißt, daß er nur eine einzige Jahreszeit kenne, den Herbst. Doch so klein ist Mauenheim gar nicht. Im Osten, Süden und Westen von mehreren Verkehrsadern, im Norden von einem imposanten Friedhof begrenzt, liegt das in Köln so gut wie unbekannte Viertel “hinter dem Schall”. Vor allem entlang der Schallgrenzen bestehen noch zahlreiche, Wachstum versprechende Baulücken. Markant in Mauenheim wirkt neben dem Nordfriedhof vor allem die Nibelungensiedlung, deren Straßen und Höfe nach den vorzeitlichen Heldinnen und Helden des Nibelungenlieds benannt sind. Zentraler Treffpunkt Mauenheims scheint denn auch der – wunderbares Kompositum: - Siegfriedhof, eine klassische Vorort-Gaststätte, auf deren Speisekarte sich Gerichte wie “Seelachs-Ersatz mit Zwiebeln, Ei und Kartoffelsalat”, “Ölsardinen mit Butter und Brot”, “Restaurationsschnitte” oder “Russen-Ei” finden. Die Menschen auf den Straßen Mauenheims sahen bei unserer Erkundung nicht allzu gesund aus. Viele schleppten Habseligkeiten in Plastiktüten durch die Gegend. Eine Familie sammelte sich um ein Auto älteren Baujahrs, um es langatmig zu besprechen. Die Sonne denunzierte einige trostlose Winkel und klebte Bescheide an Autofenster. Daß sie überhaupt wirkte, gab dem Mauenheimer Dauerherbst einen Anstrich von Frühling. Wohl birgt dieser Herbst in seiner Permanenz saisonale Subkontexte, welche sich in den Vorgärten etwa per verschämtem Blütenschimmer kurz und amateurhaft äußern. Denn: blühte dort bei den Wegplatten wirklich ein Rhododendron? Oder benötigte unser Hirn in der Mauenheimer Trostlosigkeit dringend wenigstens diesen einen Rhododendron, kopierte ihn aus einer entfernten Vororterinnerung und fügte ihn selber ein? Wir können es nicht mit Sicherheit festlegen. Die Straßen Mauenheims jedenfalls strotzen vor Unscheinbarkeit. Sogar die Graffiti bezeugen extreme Einfallslosigkeit. Welche ja nicht unbedingt als herbsttypisch gilt. Typisch für die Hauswände wiederum sind verzweigte Muster, die ehemaliger Efeubewuchs auf ihnen hinterließ: Abgasfrottagen, tief im Rauhputz verankerte Grau-in-grau-Strukturen, die immerhin dem Himmel entgegenstreben. (Wird fortgesetzt.)

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Der Himmel über Köln

moschee colonius

Minarette und Kuppel der neuen, noch im Bau befindlichen Ehrenfelder Moschee, der Colonius und ein unbekanntes Flugobjekt.

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Oberrheinische Seenplatte

Der Karlsruher Autor Matthias Kehle ist dieser Tage als Hochwassertourist in der eigenen Stadt an der Alb entlanggewandert und erinnert sich dabei auf seinem Blog einfach wandern zurück an das Jahrhunderthochwasser im Mai 1978:

„Als Kind habe ich sie erlebt, die Oberrheinische Seenplatte, Ende Mai 1978. Meine uralte Großtante Martha wohnte im 9. Stock in Ettlingen, wenige Tage noch und sie würde mit 88 Jahren nach Amerika auswandern. (…) Gewaltige Wasserflächen bedeckten die Felder: Bis nach Rüppurr, bis zum Rhein, bis zum Rheinhafen, bis nach Baden-Baden, bis nach Mannheim. Die A5 war gesperrt, auf der Autobahn paddelten Schlauchboote.“

Kehle führte, im zarten Alter von elf Jahren, Tagebuch über die Ereignisse seines Lebens. Erst vor Monatsfrist erinnerten wir an die Schlauchboote auf der Autobahn bei Rüppurr. Sogar Windsurfer sollen dort gesichtet worden sein. Auch der Spiegel konstatierte seinerzeit die Überschwemmungen: „Der Bodensee nahm in zwanzig Stunden um 60 Millionen Kubikmeter Wasser zu. Die Autobahn in der Rheinebene bei Karlsruhe glich einer Seenplatte; Fahrer und Beifahrer mußten bisweilen Stunden auf den Dächern ihrer Fahrzeuge zubringen, ehe sie von Schlauchbooten abgeholt werden konnten. Auf Neckar und Rhein dagegen fuhr schon lange kein Schiff mehr.“

Die alte Kinzig-Murg-Rinne war mit Wasser vollgelaufen, die sonst wiesengrüne, weizenbleiche bzw. brachenbraune Landschaft schien sich zum Ozean zu weiten. Ein älterer Junge aus der Nachbarschaft hatte Zugriff auf ein Kajak. Damit paddelten wir Slalom durch den vollgelaufenen Wald vor unserer Haustür und übten Übers-Wasser-Gehen auf den zurückgelassenen Laubhaufen des vergangenen Herbstes, die einen fragilen Steg in die beginnenden Mangrovensümpfe boten. Die Schwereren von uns brachen ins Wasser ein, es gab dramatische Szenen: aufregende Tage für einen Viertklässler im ansonsten recht beschaulichen Rüppurr. Nur wenige Tage stand das Wasser, dann zog es sich wieder zurück.

Das diesjährige Hochwasser reichte daran nicht heran. Matthias Kehle übermittelte uns dennoch Zeugnisse von der bei Flaneuren entlang der Alb beliebten Kleinkatastrofe.

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Das Bild zeigt überflutete Felder der Alt-Rüppurrer Landwirtschaft. Im Hintergrund die Auferstehungskirche, deren Friedhof die Alb durchfließt. Dahinter die letzten Schwarzwaldausläufer.

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Kehle schreibt auf seinem Wanderblog von Kreuch- und Fleuchtieren, die er bei seinen Erkundungen beobachten konnte wie sie sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen trachteten. Auch von einem Feuerwehrfahrzeug, dessen Scheinwerfer braune Brühe weinten. Diese narzißtische Mohnblüte hingegen scheint der neuen Situation willentlich zugeneigt.

(Bilder: Matthias Kehle. Mit freundlicher Genehmigung. rheinsein dankt!)

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Schaan (3)

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Vlado Franjević schickt uns eine Reihe farbintensiver Aufnahmen aus dem Zentrum der liechtensteinischen Metropole Schaan. Dieses zeigt nebst Himmel und Bergen den (mit Kreuz) 81,11 Meter hohen Turm von St. Laurentius, dem höchsten Gebäude Liechtensteins, welcher weithin sichtbar, in elegant-schlanker Manier das Rheintal dominiert wie sonst in der Gegend nur noch der warngestreifte, unablässig süßlichen Rauch emittierende, somit den Wind anzeigende Schlot der Kehrrichtverbrennungsanlage Buchs (auf der Schweizer Talseite) und das etwas krötenhaft im Fels hockende Fürstenschloß zu Vaduz. In der Kugel unter dem Kreuz sollen sich, Gerüchten zufolge, Grußbotschaften an die Außerirdischen befinden, über deren Form und Inhalt wir jedoch bisher nichts Näheres in Erfahrung zu bringen vermochten. (Sachdienliche Hinweise werden auf Wunsch vertraulich behandelt.)

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Presserückschau (Mai 2013)

Erneut nimmt die Konfrontation von Mensch und Tier (aber auch von Mensch und Mensch) einen beträchtlichen Teil der Schwerpunkte in der Presseberichterstattung entlang der Rheinschiene ein. Hier in kurzen Zusammenfassungen die wichtigsten Meldungen des diesjährigen Wonnemonats:

1
Zu einem kalkulierten Skandal geriet die Tannhäuser-Premiere im Wagner-Jahr in Düsseldorf. Die WZ schreibt vom Aufstand des Opernpublikums: “„Geh in Therapie!“, „Aufhören!“ „Das ist keine Kunst!“ und immer wieder „Sch…!“ – lautstark haben Zuschauer in der Rheinoper ihrem Ärger und Entsetzen Luft gemacht. Provoziert von einem Bühnenbild, das Kammern zeigt, in denen nackte Frauen und Männer mit Nebel scheinbar vergast werden, einem Tannhäuser, der mit Nazibinde am Arm seine Familie exekutiert. Für einige gab es schon in der ersten halben Stunde kein Halten mehr. Türenknallend verließen sie die Oper. Der überwiegende Teil blieb. Nicht zuletzt, um Regisseur Burkhard C. Kosminski beim Schlussapplaus auf der Bühne niederzubuhen. Einige pöbelten ihn bei der anschließenden Premierenfeier rüde an.” Das Thema hielt sich schließlich den gesamten Monat in der Presse, nachdem die theatrale Aufführung von Intendant Christoph Meyer zugunsten einer rein konzertanten abgesetzt wurde, um das Gesundheitsrisiko des Publikums zu mindern, nachdem zahlreiche Premierenbesucher ärztliche Hilfe benötigt hätten.

2
Warum es am Rhein so schön ist, ist eine häufig beantwortete Frage. Die Frankfurter Rundschau reiht sich mit einem Bericht über die Ausstellung “Еrhabene Natur, vaterländischer Strom, romantischer Rhein” im Flörsheimer Heimatmuseum in den Reigen ein: “Sanft geschwungene Hügel, in Abendrot getauchte Burgen und Fischer, die sich vergnügt am Ufer unterhalten – in den Bildern des in Flörsheim geborenen Malers Christian Georg Schütz dem Älteren zeigt sich eine Idealvorstellung der Rheinlandschaften, in dessen Mittelpunkt stets der mächtige Fluss steht. Zusammen mit seinem Neffen und Patenkind Christian Georg Schütz dem Jüngeren prägte er Mitte des 18. bis ins erste Viertel des 19. Jahrhunderts die Idee der Rheinromantik und war daran beteiligt, den Rhein vom schnöden Transportweg zum Reiseziel für gut Betuchte zu stilisieren.”

3
Auf dem Koblenzer Bahnhofsvorplatz vor dem McDonalds-Restaurant hat ein Mann am Pfingstsonntag eine Ratte gehäutet und verspeist, berichtet die Rhein-Zeitung: „Anschließend sei er mit der Haut auf seinem Gesicht auf dem Bahnhofsvorplatz umhergelaufen.“

4
Am Pfingstmontag spielte ein Reh mit der Basler Bevölkerung Katz und Maus. An verschiedenen Stellen der Stadt, darunter im Rhein, sei das Tier auf- und abgetaucht wie die Basler Zeitung berichtet: „Es wurde schliesslich unter dem Applaus von Passantinnen und Passanten von Mitarbeitenden der Polizei aus dem Rhein gefischt und später im Wald bei Bettingen wieder ausgewildert, wie das Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel-Stadt mitteilte.“

5
Bei Hinterrhein hat ein Wolf zunächst ein Reh und einige Tage später ein Schaf gerissen. Mit Hilfe seines Fernrohrs schoß ein Wildhüter Handyfotos des Räubers über seiner Wildbeute, von denen eines auf der Webpräsenz der Südostschweiz publiziert wurde. Die seit Generationen von Schafzucht lebenden Bewohner Hinterrheins befürchten unterdessen, daß die Obrigkeit den Wolf schützt, sodaß er nach und nach ihre Herden auffressen werde.

6
“Drogen, Waffen, Geldverschiebung – der deutsch-schweizerische Grenzübergang auf der A5 in Weil am Rhein ist das Tor zur EU und die Reuse für Schmuggelgut jeder Art”, konstatiert auto motor und sport und informiert seine Leserschaft über Arbeitsmethoden der Grenzwächter: “Sieben oder acht Mal hat der Zollbetriebsinspektor schon die Geldzählmaschine vor sich gefüttert, doch sie gibt immer wieder mit vernehmlichem Piepsen Fehlermeldungen von sich. Schließlich nimmt der Apparat doch noch die Arbeit auf und quittiert artig den Durchlauf der beiden Bündel mit 500-Euro-Scheinen: 100.000 Euro, die ein Mann aus Belgien bei sich trug, als er aus der Schweiz nach Deutschland einreisen wollte.”

7
Der Sonntag aus Freiburg berichtet von einer vertrackten Situation: nach EU-Richtlinien sei vom Baden an Hoch- und Oberrhein abzuraten, weil es insbesondere bei empfindlicheren Personen zu Haut- und Schleimhautreizungen oder Magen-Darm-Beschwerden führen könne, dieweil die Schweizer Behörden das Baden an genau denselben Stellen der Entscheidung des Bürgers überlassen. Immerhin: „Der Rhein ist so sauber, daß sich sogar der Lachs wieder darin wohlfühlt.“

8
Die “Rheinwoche” gilt als “längste Fluss-Segelregatta Europas”, klärt die Rheinische Post auf. Sie führt in drei Tagesetappen von Hitdorf über Krefeld und Rees nach Emmerich. Die Teilnehmer segeln um das “Blaue Band vom Rhein” und dürfen sogar auf Sensationen entlang der Rennstrecke hoffen: “Bei gutem Wetter bereitet auch die Jugendfeuerwehr der Stadt Rees im Rahmen ihres Pfingstzeltlagers den Seglern einen unvergesslichen Empfang. Denn in Höhe des Pegelturmes wollen die jungen Feuerwehrleute die vorbeifahrenden Schiffe mit einer spektakulären Wasserwand begrüßen.”

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Es gibt keine Singles in Köln

Im vorangegangenen Beitrag erwähnten wir einen Artikel für die Welt von Michael Lentz. Er beschreibt darin u.a. das fangemeinschaftliche Schöntrinken einer Niederlage des 1. FC Köln in einer Kneipe, um das Gefühl, einen “Schlaach mit de Pann” erhalten zu haben, während unter der Gaststubendecke ein Gewitter dräut, von innen zu kurieren. Im Folgenden fallen im Stakkato einige gültige, zitierfähige Statements über den Rheinländer-an-sisch und sein Jeschwaad:

“Rheinländer ist der, der den anderen nicht zu Wort kommen lässt.”

“Rheinländer, die als Rheinländer immer recht haben und das nicht nur im Rheinland, kennen keine Geheimnisse. Sie erbrechen ihre Geheimnisse in Ehren. Sie erwecken oft den Eindruck, etwas mitzuteilen. Es ist ihnen schlechterdings nur eben, als wenn sie einmal laut mit sich selber sprechen könnten. Geselliger Zufall, dabei anwesend zu sein.”

“Zwei Naturgesetze: Der Dom gehört dem Dom, das Wort ist beim Rheinländer.”

Und am Schönsten wohl dieses über die “Single-Hauptstadt” Köln:

“Es gibt keine Singles in Köln. Das Reden eines Kölners ist eine ganze Familie.”

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Doch leichter wird der Rhein verbrennen

Den Neid der Dichter untereinander berührt Daniel Trillers kräftiges Sinnbild, das nach seinem Eingang ins Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm mit etwas Verspätung nun über den am Ende abrupt verschlungenen Umweg eines fast schon abgestandenen Artikels von Michael Lentz über den 1. FC Köln in der Welt, welchen die Lyrikzeitung heute anteaserte, zu rheinsein, wo es jedenfalls hingehört, fand:

(…)
Ob ich ein großer Dichter wär,
Ob keiner, dieser eitlen Ehr
Wollt ich mich gern verlustig schätzen.
Ich suchte noch, so viel an mir,
Dem edlen Brockes nachzuahmen,
Und zöge seinen großen Namen
Noch ferner andern Dichtern für.
Wer könnte mich daran verhindern?
Die Armen geben sich zu bloß!
Sie wären gern alleine groß,
Und wollten andrer Ruhm vermindern.
Doch leichter wird der Rhein verbrennen,
Als ihr verwünschter Wunsch geschehn:
Sie werden die Erfüllung sehen,
Wenn sich die Elementen trennen.
(…)

(aus: Daniel Triller – Poetische Betrachtungen über verschiedene aus der Natur- und Sittenlehre hergenommene Materien, Band 2, Seite 26, Hamburg 1746)

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Schiffsmühle

„Bei Neuenburg am Rhein, im Großherzogtum Baden ist eine dort im Strom angebrachte, erst am Rhein Anno 1829 ganz neu erbaute, auf zwei authentischen Fahrzeugen stehende, 80 französische Schuh lange und 36 breite, Schiffmühle, welche sich im besten Gange befindet, aus freier Hand zu verkaufen. Dieselbe besteht aus zwei Mahlgängen und einer Rennlen, ist mit extra guten Steinen, so wie allem Zubehöre, alles in brauchbarem Zustande, aufs Zweckmäßigste eingerichtet und könnte bis Ende nächsten Märzmonat, oder je nachdem sich Liebhaber zeigten, noch früher abgetreten werden. Ihre dermaligen Eigentümer würden solche ohne anders behalten, wenn sie nicht durch die Unbeständigkeit des Flussbetts im Neuenburger Bann, gar zu öftern kostspielige Veränderungen damit ausgesetzt und die anfänglich benutzte feste Stelle durchaus verloren gegangen wäre. Damit aber ein künftiger Inhaber diesem enthoben sein möge, wollten die jetzigen Besitzer gerne um die Erlaubnis von der resp. Landesobrigkeit anhalten, dieses Werk, welches stromauf- und stromabwärts bewegt werden kann, an jeden wünschbaren andern und bessern Uferplatz der Großherzoglich-Badischen Staaten verlegen zu dürfen, wo man dann versichert ist, daß es weit mehr als jede Landmühle mahlen würde, auch machen sie sich verbindlich die Mühe bei geeigneter Wasserhöhe auf eigene Kosten dahin zu befördern. Der Anschlagpreis sowohl als die übrigen Bedingnisse werden möglichst billig sein und ist sich für die Beaugenscheinung sowohl als das Weitere hierüber in besagtem Neuenburg an Schiffermeister Ignaz Studer, oder auch in Nr. 111 in Kleinbasel anzumelden.“ (Aus einem Inserat in der Baseler Zeitung vom 11. Februar 1832, zitiert nach dem Amtsblatt der Stadt Neuenburg am Rhein vom 05. April 2013)

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Kölner Schiffmühlen

Die in Holz geschnittenen Kölner Schiffsmühlen von Anton Woensam aus dem Jahre 1531 entnehmen wir dem (Stand: heute:) knappen, aber lesenswerten Wikipedia-Artikel über die Kölner Rheinmühlen, der Betriebstechnik sowie Vorkommen dieser speziellen Mühlenart erläutert und weitere Schiffsmühlendarstellungen bietet. Die Bilder der aneinandergekoppelten Mühleneinheiten vermitteln einen kräftigen Eindruck von den Unterschieden menschlicher Nutzung des Rheins im Laufe der Jahrhunderte. Eine reine gewaltsame Naturszene wie von anno Null, als der Rhein gebrannt hat, ist hingegen heuer praktisch kaum mehr vorstellbar.

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