Bayerischer Rhein

“100. Fr. Welches sind die Hauptflüsse Deutschlands?
Antw. Es sind folgende: 1. der Rhein; 2. die Donau; 3. die Weser; 4. die Elbe; 5. die Oder.

101. Fr. Woher kömmt der Rhein?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, hat 3 Quellen, fließt durch den Bodensee und ergießt sich theilweise in den Niederlanden in die Nordsee.

102. Fr. Wo entspringt die Donau?
Antw. Sie entspringt im Großherzogthum Baden im Schwarzwalde, fließt durch Würtemberg, Bayern, Oesterreich, Ungarn, die Türkei, und ergießt sich in das schwarze Meer.

(…)

117. Fr. Wie heißen die Hauptflüsse in Bayern?
Antw. Sie heißen: 1. der Rhein 2. die Donau, 3. der Main.

118. Fr. Woher kömmt der Rhein und wohin ergießt er sich?
Antw. Er kömmt aus der Schweiz vom St. Gotthards-Berge, fließt durch den Bodensee, und ergießt sich in den Niederlanden in mehreren Armen in die Nordsee.

119. Fr.  Inwiefern gehört der Rhein zu Bayern?
Antw. So lange er die Pfalz bespült.

120. Fr. Was für bayerische Städte liegen am Rhein?
Antw. Am Rhein liegen: Germersheim und die Hauptstadt Speyer.

121. Fr. Wo entspringt der Main?
Antw. Er entspringt in Oberfranken auf dem Fichtelgebirge, fließt durch Ober- und Unterfranken, und ergießt sich bei Mainz in den Rhein.”

(aus: J. Offner, Fragen aus der vaterländischen (bayerischen) Geschichte und Geographie: Mit beigefügten Antworten: zum Gebrauche für die Schuljugend in den höhern Klassen der deutschen Werk- und Sonntagsschulen (1840))

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Rijn en Zon

A° 1745
DE.RYN.EN.SON.EEN SUYVERE.BRON
MET.WARME.STRAALEE
TOT.UTREGHTS.PRONCK,BELOFTE.SCHONCK
OM.WEL.TE.MAALLEE
GESTIGHT.DOOR.BN SONNEN.BERGH
EN.GV VAN.REYN. C.E.B.

Die Rhein und Sonne, ein sauberer Brunnen mit warmen Strahlen, zu Utrechts Glanz, um gut mahlen. Nicht nach dem Fluß (dessen Wasser in Utrecht unter verschiedenen Pseudonymen auftreten) und dem Zentralgestirn ist die stattliche und wohl auch berühmte Windmühle benannt, sondern nach ihren Ersterbauern, den Herren Sonnenbergh und van Reyn. Ihre genauen Daten finden sich in der Nederlandse Molendatabase und bei der Vereniging de Hollandsche Molen, das Centraal Museum zu Utrecht hält alte Schwarz-Weiß-Ansichten parat, Het Utrechts Archief die hier gezeigte Druckgrafik von J. C. Philips aus dem Jahre 1756 nach einer Zeichnung von Jan de Beijer aus dem Jahr 1745 und noch taufrisch ist der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag.

rijn en zon_2

Das Bild zeigt eine Ansicht Utrechts vom Paardenveld her, links die im Bau befindliche Mühle De Meiboom, in der Mitte das Schafott mit Galgen, dahinter die Jakobikerk und rechts die soeben in Stein errichtete Mühle Rijn en Zon. Zur Blütezeit der Windmühlen gab es in Utrecht um die 60 Exemplare, bevorzugt in den Verteidigungsanlagen. Im Sommer 1674 zerstörte ein schwerer Sturm zahlreiche Gebäude der Stadt, nur zwei Mühlen standen nach dem Sturm noch auf den Wällen.

Vokabular: Basisaußenweite, Galerieturmwindmühle, gepolychromeerd (niederländisch für farbig), Hapel, Kammrad, krühen, Mahlgang, Obenkrüher, Schorenpaar, Spreetbalken, Steert

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Keltische Kulte

Der Oberrheingraben, vormals Bett eines “bis zu acht Kilometer breiten”, sozusagen amazonischen Flußlaufs, spuckt bis heute historische Fundstücke aus, darunter keltische Schwerter, Beile und Nadeln, die einst dem Fluß im Rahmen kultischer Handlungen übergeben worden sein sollen: eine für den Rhein, im Gegensatz zur Saône, angeblich neue Erkenntnis, die rheinsein dem Freiburger Gratisblatt Zeitung am Sonntag entnehmen durfte und hiermit den seit Pfingstsonntag neuesten allgemein publiken Stand der Forschung freihändig weitergibt, die über die Kelten im Allgemeinen weiterhin hauptsächlich rätselt: woher sie kamen, wie ihre Kulte aussahen und wohin sie verschwanden. Zusammenfassend ließe sich sagen: ob die Kelten (alle) Kelten waren, bleibt vorerst ungeklärt. Immerhin gibt es längs des Rheins zahlreiche Fundstätten, welche die Forschung ihnen zurechnet, zwischen Basel und Bingen kommt die aktuelle Zählung auf satte 800 “präurbane Siedlungen” aus der Eisen- und Bronzezeit. Daß die vonehmlich aus Museen und Landesdenkmalämtern sowie aus Kiesgruben stammenden, wissenschaftlich untersuchten Schwerter, Beile und Nadeln flußkultischen Zwecken dienten und nicht etwa zufällig in der Landschaft überlebten, schreibt die Forschung laut Zeitung am Sonntag “der Fundhäufung an manchen Stellen” zu, an denen sich bisweilen auch Münzen aus der Römerzeit fänden. rheinsein erinnert sich bei dieser Gelegenheit an den sogenannten Römeracker bei Karlsruhe. Dabei handelte es sich um ein meist brachliegendes Feld, von dem es in den 70er Jahren hieß, es seien dort römische Münzen und Scherben auszugraben – für uns als Latein-Sextaner eine abenteuerliche Vorstellung, vor allem was mögliche Sesterzen- und Golddenarschätze betraf. Gefunden haben wir dort nie etwas. Daß dieser Römeracker einst im Rhein lag, ist denkbar, es soll jedoch auch eine römische Villa darauf gestanden haben. Nun befindet die neueste Forschung, daß Römermünzen- und Keltennadelfunde an denselben Stellen aufträten: die Römer könnten dem Fluß(gott) Münzen für gelungene Bootspassagen geopfert oder die soeben theoretisch festgestellten kultischen Handlungen der Kelten übernommen haben. “Wir könnten, aber…” geht uns eine in rauschende Unschärfe mündende Songzeile der Einstürzenden Neubauten durch den Sinn, sowie das begleitende Bild eines vorzeitlichen Jungen, der an einer Rheinbucht flache Kiesel übers Wasser hüpfen läßt. Denn genau solch ein möglicherweise in komplexen Prozeduren auserwählter, kultisch verwendeter Kiesel liegt als Trofäe auf rheinseins vor lauter massiertem Papier schon ganz durchbogenen Bücherbord.

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Eine französische Hyperfee

Eine zwischen recht verschiedenen Polen schillernde, vielschreibende und nicht wenig visionäre Persönlichkeit war laut deutschem Wikipedia-Artikel der uns bis dato weitgehend unbekannte französische Utopist und Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier. Seine Aufnahme in die katalogischen Tiefen rheinseins verdankt sich, auch wenn er sie ganz rheinunabhängig dafür verdient hätte, nicht seiner frühen Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, sondern den angeblich nichtexistenten Basler Rheindämpfen in seinem Werk La médecine positive harmonique und seiner Vorstellung einer Hyperfee der französischen Rheinarmee in Le nouveau monde industriel et sociétaire (Die neue industrielle und sozietäre Welt, oder die Erfindung eines anziehenden und natürlichen Industrieverfahrens, das die Arbeit in leidenschaftliche Serien aufteilt) von 1829, in dem er sich, leicht verändert, hier wiedergegeben, aus seiner Théorie de l’unité universelle I von 1822 selbst zitiert:

„Quant aux familles bourgeoises qui ne s’occupent qu’à gagner de l’argent, elles ne donnent aucun soin aux dents des enfants ; et ce qui le prouve, c’est que plusieurs villes situées en pays très-salubre, comme Genève et Bâle, fourmillent de gens qui ont des râteliers gâtés à l’âge de 30 ans.
Si on veut écouter les Bâlois et Genevois, ils accuseront les brouillards du Rhin, les brouillards du lac : pitoyable excuse ! un fleuve rapide et encaissé comme le Rhin l’est à Bâle, n’engendre pas de vapeurs nuisibles : il en est de même des rapides ruisseaux qui arrosent la campagne de Bâle.” (Charles Fourier, La médecine positive harmonique, Théorie de l’unité universelle II (1822))

„F. 4°. Valère souhaiterait fort d’être admis d’une superbe armée industrielle de 9e degré (environ 200,000 hommes et 200,000 femmes), qui va tenir campagne sur le Rhin, y construire, dans le courant de la belle saison, des ponts de pierre, des encaissements, et y donner chaque soir des fêtes magnifiques. Pour s’y faire admettre, il faudrait que Valère eut fait huit campagnes ; il n’en compte que 2 : il est inadmissible à une année de 9e degré, hors les cas d’exception. Urgèle occupe le poste de haute matrone ou hyper-fée de l’armée du Rhin, tenant le ministère des sympathies accidentelles pour les 400,000 hommes et femmes. Elle déclare que Valère lui sera utile dans telle branche de travail ; c’est cas d’exception pour lui ; il sera admis si cette belle armée, quoiqu’il manque de titres ; mais il part comme attaché aux bureaux de l’hyper-fée.“ (Charles Fourier, Théorie de l’unité universelle I (1822))

„F. 4° Valère désire d’être admis à une armée industrielle de 9e degré (environ 300 000 âmes dont 100 000 femmes) qui va faire campagne sur le Rhin, y construire, dans le courant de la belle saison, des ponts, des encaissements, et y donner chaque soir des fêtes magnifiques. Pour s’y faire admettre, il faudrait que Valère eût fait 8 campagnes, il n’en compte que 2 ; il est inadmissible à une armée de 9e degré hors les cas d’exception.”
„Urgèle occupe le poste de Haute Matrone, ou Hyperfée de l’armée du Rhin, exerçant le ministère des sympathies accidentelles pour les 300 000 hommes et femmes. Elle déclare que Valère lui sera utile dans telle branche de travail; c’est cas d’exception pour lui, il sera admis à cette belle armée quoiqu’il manque de titres; il part, comme attaché aux bureaux de l’Hyper-fée.“ (Charles Fourier, Le nouveau monde industriel et sociétaire  (1829), Sections IV, V, VI et VII. Postface)

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Marie Antoinette auf dem Rhein

„Während die riesige Kavalkade – dreihundertvierzig Pferde, die an jeder Poststation gewechselt werden müssen – langsam durch Oberösterreich, Bayern zieht und sich nach zahllosen Festen und Empfängen der Grenze nähert, hämmern Zimmerleute und Tapezierer auf der Rheininsel zwischen Kehl und Straßburg an einem sonderbaren Bau. Hier haben die Obersthofmeister von Versailles und Schönbrunn ihren großen Trumpf ausgespielt; nach endlosem Beraten, ob die feierliche Übergabe der Braut noch auf österreichischem Hoheitsgebiet oder erst auf französischem erfolgen solle, erfand ein Schlaukopf unter ihnen die salomonische Lösung, auf einer der kleinen unbewohnten Sandinseln im Rhein, zwischen Frankreich und Deutschland, in Niemandsland also, einen eigenen Holzpavillon für die festliche Übergabe zu erbauen, ein Wunder der Neutralität, zwei Vorzimmer auf der rechtsrheinischen Seite, die Marie Antoinette noch als Erzherzogin betritt, zwei Vorzimmer auf der linksrheinischen Seite, die sie nach der Zeremonie als Dauphine von Frankreich verläßt, und in der Mitte den großen Saal der feierlichen Übergabe, in dem sich die Erzherzogin endgültig in die Thronfolgerin Frankreichs verwandelt. Kostbare Tapisserieen aus dem erzbischöflichen Palais verdecken die rasch aufgezimmerten hölzernen Wände, die Universität von Straßburg leiht einen Baldachin, die reiche Straßburger Bürgerschaft ihr schönstes Mobiliar. In dieses Heiligtum fürstlicher Pracht einzudringen, ist bürgerlichem Blick selbstverständlich verwehrt; ein paar Silberstücke jedoch machen Wächter allorts nachsichtig, und so schleichen einige Tage vor Marie Antoinettes Ankunft einige junge deutsche Studenten in die halbfertigen Räume, um ihrer Neugier Genüge zu tun. Und einer besonders, hochgewachsen, freien leidenschaftlichen Blicks, die Aura des Genius über der männlichen Stirn, kann sich nicht sattsehen an den köstlichen Gobelins, die nach Raffaels Kartons gefertigt sind; sie erregen in dem Jüngling, dem sich eben erst am Straßburger Münster der Geist der Gotik offenbart hatte, stürmische Lust, mit gleicher Liebe klassische Kunst zu begreifen. Begeistert erklärt er den weniger beredten Kameraden diese ihm unvermutet erschlossene Schönheitswelt italienischer Meister, aber plötzlich hält er inne, wird unmutig, die starke dunkle Braue wölkt sich fast zornig über dem eben noch befeuerten Blick. Denn jetzt erst ist er gewahr geworden, was diese Wandteppiche darstellen, in der Tat eine für ein Hochzeitsfest denkbar unpassende Legende, die Geschichte von Jason, Medea und Kreusa, das Erzbeispiel einer verhängnisvollen Eheschließung. »Was,« ruft der genialische Jüngling, ohne auf das Erstaunen der Umstehenden achtzuhaben, mit lauter Stimme aus, »ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der gräßlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen wurde, bei ihrem ersten Eintritt so unbesonnen vor Augen zu führen? Gibt es denn unter den französischen Architekten, Dekorateuren und Tapezierern gar keinen Menschen, der begreift, daß Bilder etwas vorstellen, daß Bilder auf Sinn und Gefühl wirken, daß sie Eindrücke machen, daß sie Ahnungen erregen? Ist es doch nicht anders, als hätte man dieser schönen und, wie man hört, lebenslustigen Dame das abscheulichste Gespenst bis an die Grenze entgegengeschickt.« Mit Mühe gelingt es den Freunden, den Leidenschaftlichen zu beschwichtigen, beinahe mit Gewalt führen sie Goethe – denn kein anderer ist dieser junge Student – aus dem bretternen Haus. Bald aber naht jener »gewaltige Hof- und Prachtstrom« des Hochzeitszuges und überschwemmt mit heiterm Gespräch und froher Gesinnung den geschmückten Raum, nicht ahnend, daß wenige Stunden zuvor das seherische Auge eines Dichters in diesem bunten Gewebe schon den schwarzen Faden des Verhängnisses erblickt.

Die Übergabe Marie Antoinettes soll Abschied von allen und allem veranschaulichen, was sie mit dem Hause Österreich verbindet; auch hierfür haben die Zeremonienmeister ein besonderes Symbol ersonnen: nicht nur darf niemand ihres heimatlichen Gefolges sie über die unsichtbare Grenzlinie begleiten, die Etikette heischt sogar, daß sie keinen Faden heimatlicher Erzeugung, keinen Schuh, keinen Strumpf, kein Hemd, kein Band auf dem nackten Leibe behalten dürfe. Von dem Augenblicke an, da Marie Antoinette Dauphine von Frankreich wird, darf nur Stoff französischer Herkunft sie umhüllen. So muß sich im österreichischen Vorzimmer die Vierzehnjährige vor dem ganzen österreichischen Gefolge bis auf die Haut entkleiden; splitternackt leuchtet für einen Augenblick der zarte, noch unaufgeblühte Mädchenleib in dem dunklen Raum; dann wird ihr ein Hemd aus französischer Seide übergeworfen, Jupons aus Paris, Strümpfe aus Lyon, Schuhe des Hofkordonniers, Spitzen und Maschen; nichts darf sie als liebes Andenken zurückbehalten, nicht einen Ring, nicht ein Kreuz – würde die Welt der Etikette denn nicht einstürzen, bewahrte sie eine einzige Spange oder ein vertrautes Band? – nicht ein einziges von den seit Jahren gewohnten Gesichtern darf sie von jetzt an um sich sehen. Ist es ein Wunder, wenn in diesem Gefühl so jäh ins Fremde-gestoßen-Seins das kleine, von all diesem Pomp und Getue erschreckte Mädchen ganz kindhaft in Tränen ausbricht? Aber sofort heißt es wieder Haltung bewahren, denn Aufwallungen des Gefühls sind bei einer politischen Hochzeit nicht statthaft; drüben im andern Zimmer wartet schon die französische Suite, und es wäre beschämend, mit feuchten Augen, verweint und furchtsam diesem neuen Gefolge entgegenzutreten. Der Brautführer, Graf Starhemberg, reicht ihr zum entscheidenden Gange die Hand, und französisch gekleidet, zum letztenmal gefolgt von ihrer österreichischen Suite, betritt sie, zwei letzte Minuten noch Österreicherin, den Saal der Übergabe, wo in hohem Staat und Prunk die bourbonische Abordnung sie erwartet. Der Brautwerber Ludwigs XV. hält eine feierliche Ansprache, das Protokoll wird verlesen, dann kommt – alle halten den Atem an – die große Zeremonie. Sie ist Schritt für Schritt errechnet wie ein Menuett, voraus geprobt und eingelernt. Der Tisch in der Mitte des Raumes stellt symbolisch die Grenze dar. Vor ihm stehen die Österreicher, hinter ihm die Franzosen. Zuerst läßt der österreichische Brautführer, Graf Starhemberg, die Hand Marie Antoinettes los; statt seiner ergreift sie der französische Brautführer und geleitet langsam, mit feierlichem Schritt das zitternde Mädchen um die Flanke des Tisches herum. Während dieser genau ausgesparten Minuten zieht sich, langsam nach rückwärts gehend, im selben Takt, wie die französische Suite der künftigen Königin entgegenschreitet, die österreichische Begleitung gegen die Eingangstür zurück, so daß genau in demselben Augenblick, da Marie Antoinette inmitten ihres neuen französischen Hofstaates steht, der österreichische bereits den Raum verlassen hat. Lautlos, musterhaft, gespenstig-großartig vollzieht sich diese Orgie der Etikette; nur im letzten Augenblick hält das kleine verschüchterte Mädchen dieser kalten Feierlichkeit nicht mehr stand. Und statt kühl gelassen den devoten Hof knicks ihrer neuen Gesellschaftsdame, der Komtesse de Noailles, entgegenzunehmen, wirft sie sich ihr schluchzend und wie hilfesuchend in die Arme, eine schöne und rührende Geste der Verlassenheit, die vorzuschreiben alle Großkophtas der Repräsentation hüben und drüben vergaßen. Aber Gefühl ist nicht eingerechnet in die Logarithmen der höfischen Regeln, schon wartet draußen die gläserne Karosse, schon dröhnen vom Straßburger Münster die Glocken, schon donnern die Artilleriesalven, und, von Jubel umbrandet, verläßt Marie Antoinette für immer die sorglosen Gestade der Kindheit: ihr Frauenschicksal beginnt.“

(aus : Stefan Zweig, Marie Antoinette)

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Boatpeople

Ein aufwendiges Fotoprojekt realisierte Bettina Flitner am Rhein: Boatpeople. Von den Intha, den “Menschen vom See”, die auf dem Inle-See auf einem Hochplateau in den Shan-Bergen nahe der chinesischen Grenze in Myanmar in Pfahlbau-Siedlungen leben, kaufte sie eine hölzerne Barke, die im täglichen Gebrauch der Seebewohner als Vehikel zur Bewirtschaftung der schwimmenden Gärten, als Küche, Bett oder als beweglicher Marktstand zum Einsatz kommt. Das Boot erstand Flitner offenbar frisch von der Bergsee-Werft: 5,90 Meter lang, aus Teakholz gesägt und ohne einen einzigen Nagel nur mit Baumharz verarbeitet. Über Rangun, den Hamburger Hafen und den Starnberger See gelangte das Boot schließlich nach Köln an den Rhein. In Rodenkirchen inszenierte Flitner verschiedene Menschengruppen auf der auf dem Rhein schwimmenden Barke: Manager, Travestiestars, Karnevalsprinzen, Nonnen, Obdachlose…

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Die Perspektive dabei ist verwirrend: auf vielen Bildern läßt sich der Fluß nicht ohne weiteres als solcher erkennen, vielmehr wirken die bisweilen recht kuriosen Gruppierungen, als seien sie mitten auf einem großen See oder sogar dem Meer ausgesetzt. Dann wieder zieht ein Containerschiff an der archaischen Barke vorüber (siehe Screenshots) oder im Hintergrund scheint die typische Vegetation der Rodenkirchener Buchten mit ihren Pappeln und Weiden auf. Das gesamte Buch ist in einer Voransicht auf blurb einzusehen und dort in verschiedenen Größen, als Leinencover mit Buchumschlag, als bedrucktes Hardcover, als eBook oder Apple iPad-Format wahlweise mit englischem oder deutschem Text zu bestellen: flexible Formate in sehr unterschiedlichen Preiskategorien als unschlagbarer Vorteil der modernen Buchproduktion!

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Österrhein

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Kurz vor Erreichen des Bodensees verlaufen der Alpenrhein, der Lustenauer Kanal und die Dornbirner Ach von der Rheinregulierung parallel kanalisiert durch Vorarlberger Grund. Von Damm zu Damm lassen sich trockengefallene Stellen queren. Bei entsprechender Körperhaltung ergeben sich Ausblicke auf streifenartige Mondlandschaften unter schwindelerregenden Himmeln. Einmal mehr weist der Rhein weit über sich hinaus. Die Bodenrisse erinnern u.a. an Kartenwerke. Gleich mehrfach zu erkennen ist Spanien, daneben verschiedene afrikanische Länder. Macchie und Savanne sprießen. Bei längerem intensiven Hinniederschauen wölbt sich der Boden dem Betrachter entgegen, rundet sich und fällt an seinen Polen ab wie ein grün behaarter Flickenfußball oder ein im Entstehen begriffener, noch ausführlicher zu wässernder Planet, dessen Bruchkanten seine künftigen Alpentäler markieren.

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Bad RagARTz (3)

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Zeitgleich zur Bad Ragartz fand im Alten Rathaus des alpenrheinischen Kurstädtchens vergangenen Sommer die Ausstellung NAIFE KUNST mit Bildern des 1995 verstorbenen Hans Krüsi statt. Zu sehen waren von Krüsi bemalte und besprayte Pappen mit Alpenmotiven: Kühe, Pflanzen, Höfe. Bisweilen imposanter als die Bilder sind die von Krüsi selbst getackerten, verleimten, oft krumm und schief zusammengesetzten Rahmen. Wir fotografierten eine Touristin, die sich mit einem von Krüsis wild gerahmten Kuhbildern ablichtete. Die Ausstellungsräumlichkeiten waren durchzogen von gesetztem Muff, einer langlebigen mittelständischen Atmosfäre, die sich moralisch über die zu sehenden Werke zu erheben schien. Die wenigen Besucher, die knarzenden Treppen, der Wurm im Gebälk vermittelten der Ausstellung den Anschein einer privaten Angelegenheit. Ein Besucherpaar unterhielt sich, unter rein kapitalistischen Aspekten, lautstark über den Wert der Kunst. “Naife Gespräche”, schoß uns durch den Kopf und daß auf dieser Welt noch und nöcher das eine zum andern findet, indem es gegeneinanderprallt oder, meist, vor dem Aufprall in Lauerstellung verharrt, sich dabei spiegelt oder überlagert, am liebsten selber feiert und nach einem Weilchen Aufregung wieder versiegt. Und daß wir uns täuschen möchten. Und auch im Leben einmal richtig gute Kuhbilder fabrizieren.

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Brücke ins Nichts

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Der Kölner Journalist Wolfgang Jorzik war vor einigen Tagen auf Fototour im Rechtsrheinischen. Herausgekommen ist eine, “Transit” betitelte, Serie: die Ödnis der Zubringer und Übergangsräume von Kalk. rheinsein dankt Wolfgang Jorzik für die Publikationsgenehmigung des oben zu sehenden Bildes. Die komplette “Transit”-Fotoserie, inklusive beschreibendem Text, gibt es auf Jorziks auch ansonsten sehenswerter Website.

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An der Alb

an der alb

Die Alb entspringt im Schwarzwald an der Teufelsmühle. Weit mehr noch als der Rhein, in den sie mündet, ist sie der Fluß unserer Kindheit und Jugend. Von einer engen Landstraße flankiert fließt sie von Bad Herrenalb, vorbei an der imposanten Klosterruine Frauenalb und am kuriosen Marxzeller Verkehrsmuseum durch ein schmales grünes Tal vorbei an Busenbach auf die Spinnerei Ettlingen, durch die uralte Kinzig-Murg-Rinne (welche nach Tulla einst den “Ostrhein”, “Bergrhein” bzw “Deutschen Rhein” unterhalb der Schwarzwaldhänge bildete), um in Karlsruhe teilweise unter der Erde zu verschwinden und am Ölhafen im kanalisierten Oberrhein aufzugehen. Das leicht übersteuerte Foto entstand bei Rüppurr, wo der Graureiher auf fette Beute hoffen darf. Unter den Schottern am Grund des normalerweise flachen Alblaufs bilden indes Legionen von Blutegeln ein sich windendes, wenig gelesenes Zeichensystem. Bei der großen Überschwemmung in den 70ern Jahren flächte sich die Alb samt der ihr zufließenden Bächlein und Gräben zum See, sodaß die einmalige und sogleich ergriffene Möglichkeit bestand, auf der A5 Schlauchboot zu fahren.

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Käptn Ahab am Rheinfall

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“Modi Bick” hat Horst Taug diese archaische Szene vor Rheinfallkulisse betitelt. Ob der Sprachdreher in Anlehnung an Modigliani, das französische “maudit” oder (wie offenbar das Bild selbst) im Rausch entstanden ist, bleibt unklar.

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Der deutlich gesittetere Strich dieses Werkes (”Ahab am Rheinfall”) weist gleichermaßen auf die sprichwörtliche Stille im Augenblick des Triumfes wie auf den nüchternen Zustand des Schöpfers.

Beide Skizzen des historischen Zweikampfes zwischen Käptn Ahab und Moby Dick, verlegt an den Rheinfall, wurden uns zugesandt von Michael Taug, Anwalt in der Rechtsabteilung eines rheinischen Konzerns. Auf die üblichen redaktionellen Rückfragen, wann und aus welcher Motivation er die Werke geschaffen und ob er jemals persönlich den Rheinfall besucht habe, kam eine verstörende Antwort, die wir nur auf Herrn Taugs ausdrücklichen Wunsch weitergeben: “So etwas mache ich nicht. Der Künstler hieß Horst Taug. Aus dem Horst hätte etwas werden können, hätte er sich nicht zu Tode gesoffen. Am Ende sah er sogar Walfische in Waschbecken schwimmen. Die Zeichnungen müssen wohl damit zu tun haben. Am Rheinfall waren wir, ja, als Kinder. Da hatte er nur Saft getrunken, glaube ich. Ob Sie dieses Zeug ins Netz stellen oder nicht, ist mir egal. Der Horst hätte es gut gefunden.”

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Rheinischer Engel

breiter engel

Die spirituellen Wirkungen des Weihrauchs stehen diesem, die schöne blattgoldne Jahreszeit kündenden Exemplar, zu bestaunen in der Klosterkirche Disentis am Vorderrhein, ins Gesicht geschrieben.

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Presserückschau (April 2013)

Das Mit- und Gegeneinander von Mensch und Tier beherrscht die augenfälligste rheinische Berichterstattung des Monats April:

1
Über Zugvogelstau am Rhein berichtet der Deutschlandfunk: „Wildgänse watscheln auf einer Wiese am Rheinufer. Am Rande strecken einige weiß und grau gefiederte Wächter aufmerksam den Kopf nach oben. Sie kontrollieren, was auf dem nahen Wanderweg passiert. In den Rheinauen bei Bingen sind einige hundert Vögel versammelt. (…) Noch sperrt hier niemand ab, um Spaziergänger daran zu hindern, entkräftete Zugvögel aufzuscheuchen, die sich hier zusammendrängen. In diesem kalten Frühjahr landen am vergleichsweise warmen Rhein Vögel, die sonst auf ihrem Weg Richtung Norden keinen Zwischenstopp einlegen. Manche ziehen weiter und kommen zurück, weil es auf ihrem Weg immer kälter wird. An einigen Stellen am Rhein gibt es jetzt einen regelrechten Vogelstau und Stoppschilder für Wanderer – zum Schutz von wintergebeutelten Kranichen und Kibitzen auf ihren Rastplätzen.“

2
Selbst – wenngleich vom Empfänger regulierbarer – Emissionär berichtet der Hessische Rundfunk über den Lärm im Rheintal: „Ein Krach von mehr als 100 Dezibel wird nachts an der Messstation Rüdesheim/Assmannshausen erreicht. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Hessische Umweltministerium (…) vorgestellt hat. Das entspricht ungefähr dem Lärm einer Motorsäge. Und verbessert hat sich noch nichts: Seit drei Jahren habe sich der Bahnlärm im Mittelrheintal nicht verringert, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung.“

3
Subtile Kriegsberichterstattung auf morgenweb.de: “Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) ist in die “Saison” gestartet. Am Donnerstag wurde mit einem Hubschrauber und zu Fuß das Bekämpfungsmittel BTI entlang des Rheins ausgebracht – unter anderem in Ludwigshafen. Am Freitag sind laut KABS-Geschäftsführer Dr. Norbert Becker Lampertheim und Worms an der Reihe.” Auch die Badischen Neuesten Nachrichten berichten über Kampfstoffausbringungen in den Rheinauen um Karlsruhe. Mit “Schnake” wird im Regiolekt die Stechmücke bezeichnet, während die Schnake im Badischen als “Reiter” tituliert wird.

4
“Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf (17/13030) zur Änderung des Ausführungsgesetzes zu dem Übereinkommen vom 9. September 1996 über die Sammlung, Abgabe und Abnahme von Abfällen in der Rhein- und Binnenschifffahrt vorgelegt. Im Zusammenhang mit der Einführung des elektronischen Bezahlsystems sei es notwendig, die im Ausführungsgesetz enthaltenen Ordnungswidrigkeitentatbestände anzupassen. Der Bundesrat macht in seiner Stellungnahme drei Änderungsvorschläge, die die Bundesregierung in ihrer Gegenäußerung teilweise ablehnt.“ (bundestag.de)

5
Ein neues Museum, das nicht nur Herrn Topowski interessieren dürfte, soll in der zweiten Jahreshälfte am Hinterrhein eröffnen, berichtet die Südostschweiz: “Der Verein Erzminen Hinterrhein ist noch jung. Trotzdem hat er in den ersten drei Jahren des Bestehens beachtliche Aktivitäten entwickelt, wie das «Pöschtli» schreibt. Dazu gehört der Aufbau eines Bergbaumuseums in Innerferrera. Hier werden ab Herbst 2013 die früheren Bergbauaktivitäten im Gebiet südlich der Viamalaschlucht dokumentiert. (…) Schliesslich wird für das Jahr 2015 ein internationaler Bergbau-Workshop in Thusis geplant.“ Die gleiche Quelle informiert, daß im Dorf Hinterrhein (als einem von drei Bündner Dörfern) kein Ausländer gemeldet sei. Somit dürfte Hinterrhein das erste und letzte Dorf am Rhein sein, das noch ausschließlich von Aboriginees bewohnt wird.

6
Gleich anschließend ein Schweizer Rechenexempel: über ein Großprojekt mit „bäuerlichem Namen“ berichtet die NZZ: „Rhesi ist die Abkürzung für Rhein, Erholung und Sicherheit. Es steht für ein höchst ambitiöses Vorhaben, das den Hochwasserschutz im unteren Alpenrheintal verbessern soll. Die ETH Zürich schätzt die Kosten in einer Machbarkeitsstudie auf 600 Millionen Franken; sie dürften schliesslich wohl bei einer Milliarde Franken liegen. Noch befindet sich das Projekt im Stand der Voruntersuchung, bereits jetzt aber äussern neben den Bauern auch die vielen betroffenen Gemeinden dies- und jenseits des Rheins Ängste und Vorbehalte. Thema ist neben dem Kulturlandverlust auch die Sicherung des Grund- und Trinkwassers. Frühestens 2017 soll Baubeginn sein, die Realisierung dürfte 20 Jahre dauern. Unbestritten ist, dass der Hochwasserschutz im unteren Rheintal verbessert werden muss; das Schadenspotenzial im Fall von Überschwemmungen wird auf mindestens sechs Milliarden Franken geschätzt.“

7
„Im Dorfgemeinschaftshaus von Götterswickerhamm sind die Kinder schon kreativ tätig. Mit Bunt- und Filzstiften bemalen sie eifrig Blätter. Es sind kleine Werke des Protestes, welche die jungen Künstler aufs Papier bringen – ein Protest gegen die Hundehaufen, die sich entlang des Leinpfades am Rhein in Massen finden lassen. “Der Hundekot nimmt überhand, und das nicht nur direkt am Rhein, sondern im ganzen Dorf”, erklärt Anneliese Rühl, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft “Unser Dorf hat Zukunft” in Götterswickerhamm.“ (Rheinische Post)

8
„Vorarlberg hat ein neues Naturschutzgebiet am Alten Rhein in Hohenems. Der 4,8 Hektar große Abschnitt besteht überwiegend aus seichten Wasserflächen und Röhrichten und ist Lebensraum von über 20 teils stark gefährdeten Libellenarten sowie von einer Vielzahl von Schmetterlingen, Käfern und Reptilien. (…) Der Alte Rhein der “Hohenemser Kurve” ist der letzte naturnahe Rest von einst vielfältigen Feuchtgebietsabfolgen mit Stillgewässern zwischen der Mündung der Ill und dem Rheindelta. Er ist als Biotop und Erholungslandschaft von überregionaler Bedeutung ausgewiesen, mit einer besonders wichtigen Funktion als Brut- und Aufzuchtsgebiet für Vögel. Außerdem befindet sich dort eines der letzten Vorkommen der vom Aussterben bedrohten Bachmuschel in Vorarlberg.“ (Der Standard)

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Reisen am Mittelrhein

mittelrhein

So nah die weinbestandenen Felsen dem Mittelrhein auch kommen, Platz für Landstraße und Bahntrasse findet sich immer. Die Aufnahme stammt aus einem Eurocity-Zug und soll die Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Bahntrasse, Fahrbahn und Wasserweg vermitteln. Das Auto (in Fließrichtung des Rheins) ist gerade dabei, Zug und Fluß zu überholen. Die Fahrgeschwindigkeit des Wagens provoziert eine Unschärfe, welche auch das Geländer befällt. Der Fluß scheint sich gegenzustauen und unter seiner Oberfläche bergauf zu fließen. Rein von der Geschwindigkeit her zwischen diesen Fänomenen, tatsächlich aber als auktorialer Betrachter oberhalb des Szenarios angesiedelt, verliert der Zugpassagier kurzfristig das Bewußtsein für Raum und Zeit: “Ich glaube, wir sind hier irgendwo an der Elbe.” Dann schießt er in einen Tunnel. Der Mobilfunk-Empfang versiegt. Am Ende des Tunnels wartet die Loreley. Das Gelächter der Mitreisenden hallt in der Tunnelröhre nach.

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Rheinschlamm und Treibholz

Land Art besteht ursprünglich aus künstlichen künstlerischen Eingriffen in die Natur: mehr oder minder verblüffende Umgestaltungen (z.B. die bekannten Spiralgrabungen), bis hin zu architektonischen Skulpturen aus in der Landschaft vorgefundenem Material. Viele Werke entstehen in Geduldsarbeit, andere brachial, alle bleiben zugleich den natürlichen Verfallsprozessen preisgegeben. So werden auch die von manchen dem Werk Außerirdischer zugerechneten Kornkreise gelegentlich als Land Art interpretiert. Falls Sie in der freien Natur eine ungewöhnliche, sortiert erscheinende Materialansammlung erblicken, halten Sie sie bitte gerne für Kunst! Um Land Art in Museen und Galerien zu präsentieren, bedarf es zumeist der Dokumentation: Fotos, Videos, Skizzen. Der britische Land Art-Veteran Richard Long greift nicht nur selbst in erwanderte Landschaften ein, sondern läßt auch unbehandeltes Naturmaterial in Ausstellungsräume schleppen. Derzeit stellt er am Niederrhein in Kleve und Duisburg aus: „Schlamm, Matsch aus dem Rhein hat der britische Künstler Richard Long auf die Wand des Museums Kurhaus gesetzt. Halbbögen fügen sich über schwarzem Grund zu einem Labyrinth. Der mit den Händen aufgemalte Matsch zieht Schlieren. Flecken, Spritzer sitzen, von den ausholenden, kreisenden Bewegungen, mit denen Long das Labyrinth aufgetragen hat, verworfen auf der weißen Wand, tropfen über die Fußleisten auf den Boden. (…) Long installierte das “Rhine Mud Labyrinth” dann auch da, wo er 2001 bei seiner großen, viel beachteten Einzelausstellung in Kleve mit Treibgut aus dem Rhein eine große Bodenarbeit legte.“ Gleichzeitig zeigt Long im Museum DKM in Duisburg seine „Rhine Driftwood Line“: „Sie besteht aus angeschwemmtem Treibholz, das am letzten deutschen Rheinkilometer bei Emmerich um das Jahr 2000 gefunden wurde. Die 15,70 mal 2,50 Meter große Fläche ist geometrisch angeordnet und nur von der Struktur her vom Künstler vorgegeben. Die Anordnung im jeweiligen Ausstellungsraum übernimmt dann das Museum vor Ort.“ (Zitate: Rheinische Post)

Rhine Mud Labyrinth, Museum Kurhaus, Tiergartenstraße 41, 47533 Kleve
21.04.2013 bis 30.06.2013 (Di-So 11–17 Uhr)

Rhine Driftwood Line, Museum DKM, Güntherstraße 13-15, 47051 Duisburg
20.04.2013 bis 06.01.2014 (Mo und Fr-So 12-18 Uhr)

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Vom deutschen Rheinstrom

“Heilige Wasser rinnen von Himmelsbergen – singt die Edda, das uralte Götterlied, so auch der Rhein, des deutschen Vaterlandes heiliger Strom, rinnt vom Gottesberge (St. Gotthard), aus Eispalästen, aus dem Schoße der Alpen nieder, als Strom des Segens. Schon die Alten sagten von ihm: Die Donau ist aller Wasser Frau, doch kann wohl der Rhein mit Ehren ihr Mann sein – und die Urbewohner der Stromufer erachteten seine Flut für also wunderbar, daß sie neugeborene Kinder ihr zur Prüfung echter oder unechter Geburt übergaben. Rechtmäßige Abkömmlinge trug die Stromflut sanft zum Ufer, unrechtmäßige aber zog sie mit ungestümen Wellen und reißenden Wirbeln als ein zorniger Rächer und Richter der Unreinigkeit unter sich und ersäufte sie. Andere Anwohner brachten dem heiligen Strome ihr Liebstes, Pferde, zum Opfer dar. Durch Hohenrätiens Alpentalschluchten stürzt sich der Rhein mit jugendlichem Ungestüm, frei und ungebunden, umwohnt von einem freien Bergvolke, das in Vorzeittagen hartlastende, schwerdrückende Fesseln brach. Da zwang ein Kastellan auf der Bärenburg die Bauern, mit den Schweinen aus einem Trog zu essen, ein anderer zu Fardün trieb ihnen weidende Herden in die Saat, andere übten noch andere Frevel. Da traten Hohenrätiens Männer zusammen, Alte mit grauen Bärten, und hielten Rat im Nachtgraun unter den grauen Alpen. Auf einer felsenumwallten Wiese ohnfern Tovanosa will man noch Nägel in den Felsenritzen erblicken, an welche die Grauen, die Dorfältesten, ihre Brotsäcke hingen. Und dann tagten sie in Bruns vor der St. Annenkapelle unter dem freien Himmel, unter der großen Linde, nach der Väter Sitte, und beschwuren den Bund, der dem alten Lande den neuen Namen gab, den Namen Graubünden, und daß der Bund solle bestehen, solange Grund und Grat steht. Davon gehen im Bündnerlande noch alte Lieder. – Kaiser Maximilian nannte scherzweise den Rheinstrom die lange Pfaffengasse, wegen der zahlreichen und hochberühmten Bistümer und Hochstifte an seinen Ufern, und nannte Chur das oberste Stift, Konstanz das größte, Basel das lustigste, Straßburg das edelste, Speier das andächtigste, Worms das ärmste, Mainz das würdigste und Köln das reichste.”

(aus: Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch 1853)

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Dondorf am Rhein

Der Fernsehzweiteiler Teufelsbraten von Hermine Huntgeburth nach einer autobiografischen Kindheits- und Jugenderinnerung der Dichterin Ulla Hahn (Filmname: Hilla Palm) ist angesiedelt in den proletarischen Nachkriegsbaracken von Dondorf am Rhein. Gestern liefen beide Teile auf Arte und die verblüffenden Bilder ließen uns eine Weile rätseln, wo dieses Dondorf denn genau zu liegen käme. Auf jeden Fall am Niederrhein. Die Brücke, unter der die kleine Hilla gerne am Flußufer spielt, an dem sie einen magischen Buchstein findet, einen gebänderten Kiesel, der alle möglichen und unmöglichen Geschichten enthält, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit die Uerdinger Brücke sein. Der zugehörige Uferstreifen wiederum könnte an verschiedenen Stellen liegen, in Krefeld, bei Düsseldorf oder Duisburg, wäre aber auch weiter südlich denkbar. Die im Matsch dümpelnde Arbeitersiedlung sieht nach eigens erbautem Kulissendorf aus und ist kaum zu verorten. Industrie muß sich in der Nähe befinden. Bisweilen wird Köln als nächste Großstadt erwähnt. Auch der im Film gesprochene Dialekt, in dem reihenweise starke Zitate purzeln („Mir sin kejn Prolete, mir sin kathollisch“), läßt sich nicht konkret zuordnen: halb klingt er kölsch, dann wieder eher wie das Niederrheinisch aus dem Schützenfestgürtel. Dieses Dondorf scheint letztlich zwischen Bonn und Wesel zu oszillieren, mal liegt offenbar Düsseldorf ganz in der Nähe, mal sogar Wuppertal. Bald war aufgrund dieser Ungereimtheiten klar, daß es sich um eine fiktive Ortschaft handeln mußte: ein derart verschlammt-zurückgeblieben-ubiquitäres Dondorf wäre ansonsten längst eine bekannte Touristenattraktion. Aus den Mündern der Schauspieler klang der Ortsname im Übrigen auch nach „Dorndorf“ bzw „Mondorf“. Und während Hilla vom Kindergartenkind zur Oberstufenschülerin heranwuchs und sogar ihren seltsamen Dialekt ablegte, veränderte sich die Siedlung im Matsch kein Stückchen. Was die Möglichkeit offenläßt, daß dieses seltene Dondorf vielleicht doch real existiert, allerdings für immer in den 50er Jahren gefangen bzw diese, als statisches Mahnmal aus Nachkriegsgrau, Hühnerstall und Gartenkohl, durch sich hindurchlaufen lassend, sodaß es heute nur noch im Film oder sehr weit hinter den Rübenfeldern angetroffen werden kann.

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Johanna Schopenhauer stellt mitten auf dem Rhein fest, daß die Welt immer näher zusammenrückt

„(…) Da lag es nun vor uns, im hellsten Sonnenschein, auf dem prächtig wogenden Strome, das zierlich schlanke Ungeheuer, das ohne Mast und Segel, wie von Zauberkraft getrieben, mit Vogelschnelle, tosend und dampfend über die Fluten hinläuft, die, in ihren tiefsten Tiefen aufgeregt, schäumend und brausend es noch lange scheltend verfolgen. Wohl ist es ein Schiff, aber nicht allein durch den dampfenden hohen Schornstein, sondern auch in der ganzen Bauart und allen seinen Verhältnissen von allen andern Schiffen sehr verschieden. Regungslos lag er da, der Friedrich Wilhelm, so heißt das Schiff, während drei bis vier Reisewagen hinaufgeschoben wurden, die man auf dem Verdeck kaum bemerkt, denn es ist weit größer, als es vom Lande aus gesehen erscheint; ein Gang von einem Ende desselben bis zum andern ist wirklich eine kleine Promenade, auf welcher es an unterhaltender Abwechslung nicht leicht fehlt. Ein Paar unglückliche Pferde standen schon neben den Wagen, in einem für sie eingerichteten Käfig eingesperrt, denen man es deutlich ansehen konnte, daß sie den Weg weit lieber zu Fuße zurückgelegt hätten. Das heulende Gerassel, mit welchem der Dampf aufsteigt, so lange das Schiff stille liegt, schien die armen Thiere zu beängstigen; auch hat dieser unangenehme Lärm etwas Betäubendes, der sich allemal wiederholt, so oft das Schiff anlegt; wenn es im Gange ist, merkt man weit weniger davon.

Wer nicht sehr krank, oder sehr vornehm, oder ein leutescheuer Engländer ist, lasse doch ja nicht durch das Wort »erster Platz« sich verleiten, Billets für den Pavillon zu nehmen. Mit dem theuerern Preise erkauft er nur das Vorrecht, sich einsam in einem etwas eleganteren Zimmer im Vordertheile des Schiffes zu langweilen, während die übrige Gesellschaft sich in der sogenannten zweiten Kajüte versammelt. Für anspruchslosere Reisende gibt es eine dritte Kajüte, in welcher ebenfalls recht anständig für sie gesorgt ist. Auch gibt es noch einen vierten, sehr wohlfeilen Platz, vermuthlich ganz unten im Schiffsraum, wo die Waarenballen liegen, deren Transport, wie man mir sagte, dem Unternehmer den größten Vortheil bringt. (…)

Ein einziger Mann, dem die Leitung des Schiffes anvertraut ist, steht hoch am Steuer und dreht mit fester, sicherer Hand, bald kaum bemerkbar, bald sehr schnell, mit sichtbarer Anstrengung das Rad, welches auf der rechten Bahn es erhält. Der schweigende Ernst, mit dem er sein wichtiges Geschäft betreibt, hat etwas wundersam Feierliches, er wendet nie den Blick, er beantwortet keine an ihn gerichtete Frage, und ein neben ihm angebrachter Anschlagezettel bittet die Reisenden, auf keine Weise, durch Sprechen mit ihm, in der Ausführung seines Amtes ihn zu stören. Unten im Raum wird mit gleicher Aufmerksamkeit über die Verwaltung des Feuers und des Dampfkessels gewacht, und der Anblick der großen Ordnung, die überall vorherrschend sich zeigt, muß auch den Furchtsamsten ermuthigen und jeden Gedanken an mögliche Gefahr verbannen.
So glitten wir denn an dem unsäglich lieblichen Rheingau vorüber; die Thürme von Mainz verschwanden hinter uns; durch das frische Grün seiner Linden leuchtete im Morgenstrahl das schöne Schloß von Biebrich über den hier sehr breiten Rhein uns aus der Ferne entgegen. Dann kommen Walluf, Eltville mit seinem ehrwürdigen alten Thurme, die blühende Petersaue, alle die schönen merkwürdigen Punkte, die Jeder, auch der sie nicht gesehen, aus zahllosen Abbildungen und Beschreibungen zu kennen glaubt, und von denen doch weder Pinsel noch Feder ein ganz getreues, genügendes Bild zu geben vermögen. Im bezauberndsten Wechsel drängten sie sich uns entgegen, kaum sahen wir sie aus der Ferne auftauchen, so befanden wir uns auch schon ihnen gegenüber, und dennoch geht die Fahrt nicht so schnell, daß man nicht Zeit behielte, die Rheinufer in aller ihrer malerischen Schönheit aufzufassen. Das große Bilderbuch der Natur liegt gleichsam aufgeschlagen vor uns da, und langsam schonend wendet eine unsichtbare Hand ein Blatt desselben nach dem andern vor unsern Augen um, bis diese, geblendet von all’ der Herrlichkeit, sich ermüdet auf einige Zeit abwenden müssen.

Das indessen recht lebendig sich gestaltende Treiben auf dem Verdecke bot zur Erholung ein recht angenehmes Zwischenspiel; kleine gesellige Gruppen hatten überall sich zusammengefunden, denn nirgends knüpft eine augenblickliche Bekanntschaft sich leichter an als hier, wo man sicher sein kann, sie im schlimmsten Fall in wenigen Stunden wieder aufgelöst zu sehen. Um einem der Tische hatte eine Gesellschaft stickender und strickender Damen sich niedergelassen, die, ohne sich um das Bilderbuch der Natur viel zu bekümmern, so unbefangen ihr häusliches Wesen trieben, als wären sie zu Hause. Einige Engländerinnen hatten auf dem Dache der zur Kajüte hinabführenden Treppe sich etablirt, wurden aber, ihrer aufgespannten Parasols und ihrer großen Hüte wegen, sehr bald gebeten, sich wieder hinunterzubegeben, indem sie dem Steuermann die Aussicht benahmen. Nahe dabei lag ein wenige Wochen altes Kind, auf einem Koffer weich gebettet, und neben demselben saßen die Aeltern Hand in Hand, den kleinen Schläfer zu bewachen. Wer dieser Gruppe sich nahte, trat leiser auf und konnte nicht unterlassen, sie theilnehmend zu betrachten. Der Vater, ein junger, rüstiger Mann, war ein Kaufmann aus dem nördlichen Deutschland und jetzt mit seiner Frau und ihrem Erstgeborenen auf dem Wege nach London begriffen, von wo er nach Amerika überschiffen wollte, um in jenem fernen Welttheil sich niederzulassen. Freilich ist dieser uns wenigstens um die Hälfte näher gerückt als er unsern Vätern es war, denn die Welt wird in unserer erfindungsreichen Zeit immer enger. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 4: Das Dampfschiff)

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Johanna Schopenhauer wagt sich, obschon früher vieles besser war, auf einen Rheindampfer

“Die Luft mit ihren Stürmen ungerechnet, mit Wasser und Feuer zugleich es aufnehmen? mit den beiden in ihrer Zerstörungskraft furchtbarsten Elementen? Nimmermehr! Das wäre ein Wagstück ohne Noth, während die schönste Chaussee in Deutschland auf die sicherste und angenehmste Art mich zum Ziel meiner Reise bringen kann. So sprach ich oft, und die mehresten meiner Freunde, die, wie ich eben auch, noch kein Dampfschiff gesehen, stimmten mit mir ein.

Sind doch alle Augenblicke die Zeitungen mit Nachrichten von Unglücksfällen angefüllt, die bei der Dampfschifffahrt sich zugetragen. Ja, wäre es noch die alte ehrliche Wasserdiligence von Mainz, die freilich ein wenig langsam geht; aber sie ist jetzt aus der Mode gekommen, von der Neuheit verdrängt, wie vieles an und für sich gute Alte. Sie setzt zwar ihren gewohnten Lauf noch immer rüstig genug fort, doch die Gesellschaft, die man auf ihr antrifft, ist jetzt anderer Art, als wol früher; auch soll sie, wenigstens im Aeußern, etwas gebrechlich geworden sein. (…)

In Frankfurt kam es aber Niemand in den Sinn, daß man anders als mit dem Dampfschiff den Rhein hinunterreisen wollen könne, und es fehlte nicht viel, so hätten meine dortigen Freunde über meine von der Zerstörungskraft der beiden mächtigsten Elemente hergenommenen Gründe gegen diese Art zu reisen geradezu gelacht. Auslachen ist eine der kräftigsten Waffen gegen Vorurtheil, und Beispiel übt über Jung und Alt eine unwiderstehliche Gewalt. Täglich sah ich Freunde und Bekannte, die mehreremale blos zum Vergnügen das große Wagniß mit dem Dampfschiffe zu gehen ganz ungefährdet überstanden hatten; kommen so Viele glücklich davon, dachte ich endlich, nun so werde ich allein doch nicht bestimmt sein, mit der Geschichte meines traurigen Unterganges einen Zeitungsartikel füllen helfen zu müssen.

Das kleine frankfurter Dampfschiff, welches nach Mainz führt, war eben einer nothwendigen Reparatur wegen nicht im Gange, doch habe ich späterhin die Fahrt mit demselben versucht. Ich fand es höchst zierlich und bequem, zu einer Lustfahrt trefflich geeignet; aber schneller als zu Wagen gelangt man mit demselben nicht nach Mainz, und fällt dann sogleich beim Aussteigen, gewöhnlich in der Abenddämmerung, der Mauth in die unbarmherzigen Hände, muß halb im Dunkeln, unter freiem Himmel, von der Straßenjugend und andern zudringlichen Zuschauern auf das unverschämteste umdrängt, Koffer und Kisten öffnen lassen und läuft Gefahr, mit sinkender Nacht die halbe Stadt durchwandern zu müssen, ehe man in einem der vom Strom nicht zu weit entfernten Gasthöfe ein erträgliches Unterkommen findet, denn diese sind gewöhnlich alle von den das Dampfschiff erwartenden Reisenden überfüllt. Ich legte diesesmal den wirklich sehr angenehmen Weg von Frankfurt nach Mainz mit einem Miethwagen in kaum vier Stunden zurück. Der unbeschreiblich prächtige Anblick des Zusammenflusses der beiden mächtigen Ströme und der in der Abendsonne wunderbar leuchtenden Thürme von Mainz entzückte mich von Neuem, so oft ich ihn auch schon genossen. Die lustige Ceremonie am Mauthhause, der man nun einmal nicht entgehen kann, läßt sich im Wagen weit bequemer und ruhiger abmachen; man ist dabei wenigstens des unangenehmen Gefühls überhoben, dem neugierigen Pöbel ein Schauspiel geben zu müssen, und braucht nicht auf dem schlechten Steinpflaster von Mainz sich müde zu laufen, wenn man nicht sogleich in einem guten Gasthofe Platz finden sollte. (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828, Kapitel 4: Das Dampfschiff)

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Johanna Schopenhauer quert das Rheinland im Eilverfahren und setzt zu einigem Westfalenbashing an

“(…) In Lille ließ ich ein paar Tage von unsern Freunden wie ein verzogenes Kind mich pflegen; in Lüttich, wo keine uns bekannte Seele lebte, mußte ich zum ersten Mal seit wenigstens zehn Jahren einen ganzen Tag im Bette zubringen, weil das schnelle Reisen meine Kräfte erschöpft hatte. Dann ging es nach dem nahen Aachen. Dort verbrannte ich in einem frisch aus der heißesten Quelle geschöpften Glase Wasser aus kindischer Neugier mir die Finger und verlor darüber einen nicht kostbaren, aber mir sehr werthen Ring; weiter weiß ich für diesmal von der uralten berühmten Kaiserstadt nichts zu bemerken.

Von der vortrefflichen Kunststraße, die jetzt von Köln nach Mainz längs dem Rhein durch das Paradies von Deutschland führt, war vor fünfzig Jahren noch keine Spur vorhanden; der Weg war theils unfahrbar, theils gefährlich und in keinem Fall uns zu empfehlen. Wir wandten uns also von Aachen geradezu nach Düsseldorf, um von dort aus durch Westphalen den kürzesten Weg nach Berlin einzuschlagen, ohne das wegen seiner Düsterheit damals verschrieene Köln mit seinen dreihundert Kirchthürmen, welche die Sage der frommen Stadt zuschrieb, zu berühren.

So viel ich von Düsseldorf, das ich seitdem nicht wieder gesehen, mich erinnere, machte die Stadt einen recht freundlichen Eindruck auf mich; die berühmte, damals noch nicht nach München abgeführte Bildergallerie war die erste bedeutende, die ich seit Berlin und Potsdam, oder vielmehr überhaupt gesehen, und staunend über den Reichthum, der hier sich mir offenbarte, schlich ich langsam durch die weiten Räume, bis ich vor Rubens’ jüngstem Gerichte stand. Auch dieses weltberühmte Gemälde habe ich seitdem nicht wieder erblickt, aber den gewaltsamen, ich kann sagen fürchterlichen Eindruck, den es auf mich machte, haben die fünfzig Jahre, die seitdem verstrichen sind, nicht völlig auslöschen können.

Alle diese wunderseltsam in einander verschlungenen nackten Leiber verzweifelnder oder zu Paradiesesseligkeit entzückter Menschen, die wilden Teufelsfratzen, die holden Engelsbilder, die alle zusammen rings um das kolossale Gemälde zu einem schauerlichen Kranz sich gleichsam verflechten! ich konnte vor innerem Grauen den Anblick kaum ertragen und auch nicht mich davon abwenden. Lange hat er wachend und im Traume mich verfolgt. Ich wünsche, das Gemälde jetzt wieder zu sehen, um es in der Wirklichkeit mit dem zu vergleichen, das noch immer meiner Phantasie davon vorschwebt.

Aber wie soll ich es anfangen, um die tragikomischen, oft unüberwindlich, oft unaushaltbar scheinenden Mühseligkeiten unserer ferneren Reise durch Westphalen gebührend zu beschreiben? diese mit großen rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, welche die Leute Chausseen nannten, auf welchen wir Tage lang uns fortschleppen lassen mußten, wollten wir nicht zur Abwechselung auf dem daneben hinlaufenden sogenannten Sommerwege bis über die Achse in Koth versinken! (…)”

(aus: Johanna Schopenhauer – Jugendleben und Wanderbilder)

Ah quel chien de pays!, schimpft die Schopenhauer gleich im Anschluß an obigem Textausschnitt auf Westfalen und berichtet wortreich über die Unbill dieses Landstrichs. rheinsein hingegen zieht sich vornehm aus der Berichterstattung zurück und verweist Interessenten an frühem Westfalenbashing auf das Projekt Gutenberg.

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